Archive for the ‘Diagnostik’ Category.

Geniales Erklärvideo zu den SSG-Spickzetteln

Im letzten Blog-Eintrag wurde das praktische Hilfmittel SSG-Spickzettel vorgestellt. Nun hat das Schulamt der Stadt Zürich nochmals nachgelegt: Es hat ein genial gemachtes Erklärvideo entwickelt und zur freien Verfügung gestellt. Das Video zeigt in nicht einmal fünf Minuten anschaulich auf, wie vielfältig die SSG-Spickzettel eingesetzt werden können.

Das Erklärvideo kann direkt auf der Website des Schulamts oder auf YouTube angeschaut werden. Wer die Filmdatei herunterladen möchte, kann das hier tun (mp4, 42MB).

Die mündlichen Erklärungen sind in Deutschschweizer Dialekt gehalten. Deutsche Untertitel können in der YouTube-Ansicht hinzugeschaltet werden (einfach rechts unten im Videobild das «CC»-Symbol anklicken).

SSG-Spickzettel – eine praktische Hilfe fürs Schulische Standortgespräch

Das Verfahren «Schulische Standortgespräche» (SSG) kommt nicht nur im Kanton Zürich zur Anwendung, wenn es darum geht, gemeinsam mit den Eltern und dem Lernenden die aktuelle Situation konstruktiv und zielorientiert zu besprechen. Um diese Gespräche noch besser führen zu können, hat das Schulamt der Stadt Zürich ein überzeugendes Hilfsmittel in Form von acht A4-Karten entwickelt und frei zur Verfügung gestellt: die «SSG-Spickzettel». Sie können flexibel eingesetzt werden, um
– sich auf ein SSG vorzubereiten,
– im Schulteam den Umgang mit dem SSG zu thematisieren,
– an Elternabenden das SSG zu erklären
– oder am SSG selber die Gesprächsphasen zu visualisieren.

Die Karten sind doppelseitig bedruckt. Jeweils vorne ist ein bestimmter Fokuspunkt (z.B. «Schwerpunkte finden») bildlich dargestellt. Auf der Rückseite sind wichtige Erläuterung dazu in knapper Form aufgeführt.

Es gibt drei Typen von Karten: Die erste Karte ist sozusagen eine «Übersichtskarte»; auf ihr sind wichtige Informationen zum SSG zusammengefasst. Drei Karten zeigen, welche Leitgedanken hinter dem SSG stehen. Die restlichen vier Karten erläutern die vier Gesprächsphasen des SSG (Vorbereiten, Schwerpunkte finden, Verstehen, Planen und Überprüfen).

Die SSG-Spickzettel richten sich an Lehrpersonen und andere Fachpersonen, die das SSG bereits kennen. Sie eignen sich entsprechend nicht als grundlegende Einführung ins Verfahren, sondern dienen als Unterstützung, Ergänzung, Visualisierung.

Die SSG-Spickzettel können hier heruntergeladen werden (pdf-Datei, 5.4MB). Es empfiehlt sich, sie farbig und doppelseitig auf etwas festeres Papier auszudrucken. Wenn sie anschliessend auch noch laminiert werden, kommen sie perfekt daher.

ICF-CY-Mindmaps zur freien Verfügung

Die Arbeit mit der ICF-CY* in Buch- oder Onlineform fällt vielen Kolleginnen und Kollegen schwer, weil angesichts der zahlreichen Items der Überblick leicht verloren geht. Aus diesem Grund habe ich für Fachstellen und Schulen, die ich im Rahmen der Weiterentwicklung ihrer Förderdiagnostik und Förderplanung begleite, übersichtliche ICF-CY-Mindmaps erstellt. Ich stelle sie hier gerne zur freien Verfügung (download pdf-Datei).

*ICF-CY: Internationale Klassifikation der Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit bei Kindern und Jugendlichen der Weltgesundheitsorganisation WHO (Link)

Eine neue und hilfreiche Sicht auf die Diagnose «ADHS»

jenniDie Diagnose «Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung» (ADHS) ist herausfordernd, komplex, nicht optimal trennscharf … und aus diesem Grund in vielen Fällen umstritten und anfechtbar. Gleichzeitig wissen viele von uns aus eigener Erfahrung, dass es Kinder, Jugendliche und Erwachsene gibt, die nachvollziehbar mit grossen Handicaps bezüglich ihrer Aufmerksamkeits- und Aktivitätssteuerung zu kämpfen haben. Die in diesem Zusammenhang oft gestellte Schwarz-Weiss-Frage «Ist das jetzt wirklich ein ADHS oder nicht?» kommt dann regelmässig auf, bringt aber im Alltag nicht allzu viel, weil sie nur ungenügend handlungsleitend ist.

Oskar Jenni (Leitender Arzt am Kinderspital Zürich, Abteilung Entwicklungspädiatrie) legt einen neuen Ansatz vor, der meiner Meinung nach wirklich weiterhilft: Er versteht ADHS als Spektrumsstörung, bei der nicht nur auf den betroffenen Menschen selbst fokussiert werden soll, sondern systematisch auch auf das Umfeld mit seinen Erwartungen, Ressourcen und Grenzen. Besonders wichtig ist ihm auch die Einschätzung des subjektiv empfundenen Leidensdrucks des Kindes oder Jugendlichen selbst.

Jenni ist es gelungen, eine hilfreiche Konzeption gut nachvollziehbar und kompakt zu übermitteln … ein Fachartikel, wie er sein soll.

Download Fachartikel (Monatszeitschrift Kinderheilkunde 2016/164:271-277, online publiziert am 29.01.2016)

Überarbeitete Version des «Standardisierten Abklärungsverahrens» (SAV) liegt vor

sav_2014Als die erste Version des «Standardisierten Abklärungsverfahrens» (SAV) im Frühling 2011 veröffentlicht wurde, konnte man bereits auf eine gewisse Praxiserfahrung bauen. Denn schliesslich wurde das Verfahren nicht von Judith Hollenweger (PHZH), Peter Lienhard (HfH) und Patrick Bonvin (HEP-VD) allein entwickelt, sondern gemeinsam mit Dutzenden von diagnostisch tätigen Fachpersonen. Der wirklich grosse Praxistest hat aber in den letzten zwei Jahren stattgefunden, als abklärende Dienste in verschiedenen Regionen der Schweiz begonnen haben, das SAV verbindlich einzusetzen.

Im Auftrag der Schweizerischen Konferenz der Erziehungsdirektoren (EDK) hat das Schweizer Zentrum für Heil- und Sonderpädagogik (SZH) die gemachten Erfahrungen mit dem SAV systematisch erhoben. Eine gut sortierte Begleitgruppe hat diesen Prozess begleitet. Die drei Entwickeler/innen des SAV wurden in die Überarbeitung mit einbezogen.

Nun liegt die überarbeitete Form des SAV vor. Beibehalten wurden sowohl die Strukturierung in «Basisabklärung» und «Bedarfsabklärung» als auch die einzelnen Unterelemente. Verbesserungen wurden im Detail vollzogen, um mehr Klarheit und Verständlichkeit zu erlangen. Welche Anpassungen konkret gemacht wurden, ist hier beschrieben.

Besonders wichtig scheint mir die folgende Änderung zu sein: Weil das SAV einen starken Fokus auf Entwicklungs- und Bildungsziele legt, die für den betreffenden Menschen relevant erscheinen, kommt dem Element «Einschätzung der Entwicklungs- und Bildungsziele anhand von ICF-Lebensbereichen» eine zentrale Bedeutung zu. In der ersten SAV-Variante erwies sich die Gestaltung dieses Elements als zu kompliziert und kaum praxistauglich. Es wurde nun deutlich vereinfacht und erlaubt neu auch die Setzung von Schwerpunktbereichen für die zuküntige Förderung.

Das überarbeitete Handbuch ist hier herunterladbar: (pdf (0.5 MB).
Das Instrument (SAV-Formular) im Überblick (pdf (0.1 MB).
Das Wichtigste in Kürze: Was ist an der überarbeiteten Version 2014 neu? (pdf (0.2 MB).
Weitere Informationen zum Standardisierten Abklärungsverfahren gibt es hier.

Blog «Integrative Schule» ist als Buch erschienen

bild_bloggingbook_lienhardEin Blog in Buchform … macht das Sinn? Diese Frage stellte sich mir, als eine Mitarbeiterin des Verlags «bloggingbooks» mit der Anfrage auf mich zukam, ob ich meinen Blog als Buch veröffentlichen möchte. Ich liess mich nach einigem Zögern schliesslich davon überzeugen, dass es durchaus Sinn machen könnte, das eher flüchtige Medium «Blog» so zu bearbeiten, dass es in der Darbietungsform «Buch» eine Berechtigung erlangen könnte.

Ich habe meine Blogbeiträge zunächst kritisch durchforstet: Allzu situative, nur kurzfristig interessante Beiträge habe ich gekippt. Die verbleibenden habe ich nach vier Themenschwerpunkten geordnet:
• Internationale Einblicke in integrative Schulen
• Umsetzung der Integration in Schule und Unterricht
• Diagnostik, Zusammenarbeit und Förderplanung
• Konzeptuelle und bildungspolitische Perspektiven der schulischen Integration

Natürlich hat dieses handliche Büchlein (74 Seiten) durchaus gewisse Parallelen zur Publikation Rezeptbuch schulische Integration, doch ist der Charakter der Schreibweise ein ziemlich anderer – wie dies eben in einem Blog so die Regel ist. Und weil die einzelnen Beiträge relativ kurz sind (eine halbe bis zwei Seiten), eignet sich diese Broschüre durchaus für den Nachttisch, das Klo oder die Kaffee-Ecke im Lehrerzimmer.

Weitere Informationen: Inhaltsverzeichnis (pdf-Datei) und «Werbeposter» (A3-Format, grössere pdf-Datei)

Bestellmöglichkeit via Ex Libris oder Amazon Deutschland

Nachtrag vom 12.12.2013: Das Buch ist neu auch für rund 3€ als Kindle-Edition erhältlich.

Inflation der Diagnosen ADHS und Autismusspektrumstörung

schuheIn den USA wird bereits jedem zehnten Kind die Diagnose Aufmerksamkeitsdefizit-/ Hyperaktivitätsstörung (ADHS) zugeschrieben. Ähnlich rasant nehmen die diagnostizierten Autismusspektrumsstörungen (ASS) zu – auch in der Schweiz. Zwei lesenswerte Beiträge gehen der Frage nach, inwieweit diese Entwicklung hilfreich oder kontraproduktiv sei.

Der Kinderarzt Oskar Jenni – er leitet seit 2005 die Abteilung Entwicklungspädiatrie des Kinderspitals Zürich – plädiert für eine Anhebung der diagnostischen Schwelle (Artikel im Tages Anzeiger vom 20.04.2013, pdf 1.4 MB): Nur noch die schwersten Fälle sollen für eine psychiatrische Diagnose qualifizieren. Die Verhaltens- und Lernprobleme, die bei den «weicheren» Fällen bestehen, müssten durchaus ernst genommen werden, aber auf eine andere Art und Weise. Wichtig sei «die umfassende Beschreibung der Eigenheiten deines Kindes, seines Umfelds und der Probleme». Die inflationäre Zuschreibung dieser Diagnosen erachtet Jenni als kontraproduktiv. Er schliesst seinen Beitrag wie folgt: «Ein mutiger Schritt wäre, auf Diagnosen zu verzichten, die hauptsächlich auf subjektiven Einschätzungen beruhen und damit viel Interpretationsspielraum zulassen. Aber dazu ist die Zeit wahrscheinlich noch nicht reif.»

Eine ähnliche Haltung vertritt Alessia Schinardi vom Sozialpädiatrischen Zentrum in Winterthur (Beitrag im Schweiz Med Forum, 2011, pdf 0.5 MB): Viele Fälle, die ihr zur Begutachtung einer allfälligen ASS unterbreitet werden, seien durch Eltern, Lehrpersonen oder Fachpersonen der Schulpsychologie bereits inoffiziell diagnostiziert worden. Continue reading ‘Inflation der Diagnosen ADHS und Autismusspektrumstörung’ »

Ungebremster Anstieg der Sonderschüler/innen im Kanton Zürich

Es braucht nicht viel Fantasie, um die weitere Entwicklung dieses Säulendiagramms vorherzusagen (Download der Graphik als pdf-Datei): Wenn keine steuernden Massnahmen ergriffen werden, wird insbesondere die «Integrierte Sonderschulung in der Verantwortung der Regelschule» (ISR, im Säulendiagramm blau) ungebremst weiter anwachsen.

Warum dies geschieht, hat den folgenden Zusammenhang: Die sonderpädagogischen Ressourcen im Regelschulbereich sind im Kanton Zürich kontingentiert und können von der Gemeinde nicht ausgeweitet werden. Durch das Erteilen des Etiketts «Sonderschüler» kann sich die Regelschule zusätzliche Ressourcen verschaffen. So kommt es, dass viele Kinder und Jugendliche sozusagen aus finanztechnischen Gründen zu Sonderschülern werden. Das ist nicht nur unbefriedigend, sondern stossend.

Was ist zu tun? Solange neben einem kontingentierten System (Sonderpädagogik in der Regelschule) ein gegen oben offenes System (zusätzliche Ressourcen durch Sonderschulstatus) besteht, wird sich nichts ändern. Es ist aber absehbar, dass ausufernde Schulbudgets in den Gemeinden unter Druck geraten und reduziert werden müssen. Man sollte es nicht so weit kommen lassen, weil die Gefahr besteht, die erzwungenen Reduktionen hastig, wenig reflektiert (und deshalb am falschen Ort) zu tätigen.

Ein möglicherweise besserer Weg könnte die folgenden Elemente umfassen:
• Es braucht eine Setzung, wie hoch der maximal gewollte Anteil an Sonderschülerinnen und Sonderschülern im Kanton sein soll. Weil die Sonderschulquote in den letzten Jahren laufend angestiegen ist, muss von einer «Grauzonenklientel» ausgegangen werden, welche in erster Linie aus Gründen der Ressourcengenerierung mit dem Sonderschulstatus versehen wurde. Entsprechend ist nicht zu erwarten, dass diese Regelung dazu führt, dass der Unterstützungsanspruch schwerer behinderter Schülerinnen und Schüler in Frage gestellt wird.
• Weil es die Schulgemeinden sind, die den Sonderschulstatus von Schüler/innen aussprechen, hat der Kanton keinen direkten Einfluss auf diese Entscheidungen. Indirekt könnte er jedoch die separativen Sonderschulplätze durch eine kantonale Angebotsplanung und daraus abgeleitete Leistungsvereinbarungen mit den Sonderschulinstitutionen steuern. Ein schrittweiser Abbau eines Teils der Sonderschulplätze wäre angesichts vermehrter integrativer Sonderschulungen nur logisch: Es braucht eine angemessene Umlagerung von Ressourcen, die heute in den Sonderschulen gebunden sind, um die Regelschule wirksam stärken zu können.
• Für die Gemeinden könnte der Kanton die Empfehlung einer Bandbreite ihrer Sonderschülerquote aussprechen. Es ist absehbar, dass viele Gemeinden dankbar wären um eine verbindliche Zielgrösse, an der sich die Schulleitungen und die abklärenden Dienste orientieren könnten. Die diagnostische Triage sollte mehr zielorientiert als defizitorientiert sein, was durch die Einführung des Standardisierten Abklärungsverfahrens erleichtert würde.
• In absehbarer Zeit sollten zudem Wege gefunden werden, belastete Regelschulklassen mit zusätzlichen Ressourcen zu unterstützen, ohne dass dazu ein einzelnes Kind herausgepflückt und als Sonderschüler/in «gelabelt» werden muss. Die Sonderschulquoten-Bandbreite der Gemeinde könnte parallel dazu heruntergefahren werden.

Artikel NZZ vom 6.10.2012 (pdf-Datei, 0.9 MB)
Auszug aus dem Protokoll des Regierungsrats des Kantons Zürich vom 26.9.2012 (pdf-Datei, 0.1 MB)
Artikel Tages Anzeiger vom 17.11.2012 «Kampf gegen die Kostenexplosion in den Sonderschulen» (pdf-Datei, 0.7 MB)

Bundesgerichtsentscheid stützt Wunsch nach Sonderschulinternat nicht

Der Bundesgerichtsentscheid «2C-971/2011» lässt aufhorchen: Er stützt den Entscheid des Kantons Schwyz, im Falle eines Sekundarschülers mit einer zentral-auditiven Wahrnehmnungsstörung dem Wunsch der Eltern nach Schulung in einem Sonderschulinternat nicht nachzukommen – trotz unterstützendem Gutachten des kantonalen schulpsychologischen Dienstes (NZZ vom 22. Mai 2012, online-Link, pdf-Datei). Interessant sind die Begündungen im ausführlichen Bundesgerichtsentscheid (ich beschränke mich auf einige wenige Aspekte):

⇒ Die Vorgaben des Schweizerischen Behindertengleichstellungsgesetzes und des Sonderpädagogischen Konzepts des Kantons Schwyz, dass integrative Lösungen wenn immer möglich Vorrang vor separativen Schulungsformen haben sollen, wird stark gewichtet.

⇒ Es besteht für alle Schülerinnen und Schüler (ob behindert oder nicht behindert, ob im Rahmen einer Regel- oder Sonderschule) grundsätzlich kein Recht auf eine optimale, sondern lediglich auf eine angemessene Schulung. Das bedeutet unter anderem, dass Kinder und Jugendliche keine schulische Bevorzugung erhalten dürfen, die aufgrund ihrer Beeinträchtigungen nicht ausreichend begründbar und nachvollziehbar ist (z.B. individuellere Schulung in kleiner Klasse oder umfassende Betreuung in einem Internat).

⇒ Der deutliche Kostenunterschied zwischen einer integrativen Förderung und einer Förderung im Rahmen eines Sonderschulinternats wird in die Erwägungen mit einbezogen.

Dieser Entscheid löst bei mir zweierlei Intentionen aus:
Einerseits freue ich mich darüber, dass der gesetzlich vorgegebene Vorrang integrativer Lösungen offenbar mehr als eine Worthülse ist. Vielmehr handelt es sich um eine Verpflichtung für alle Beteiligten.
Andererseits könnte das Bundesgerichtsurteil dazu verleiten, einzelnen Schülerinnen und Schülern mit bildungsrelevanten Beeinträchtigungen das Recht auf eine spezifische sonderpädagogische Unterstützung (ob im Rahmen einer Regel- oder Sonderschule) zu verwehren, weil hinter einer vordergründigen Normalisierungs- und Integrationsargumentation nüchtern-dominante Sparüberlegungen stehen. Betroffen wären vor allem Schülerinnen und Schüler, die über wenig Lobby (von Elternseite, von Seiten von Behindertenverbänden, von Seiten der Gesellschaft) verfügen.

Es ist wichtig, dass der Fokus nicht bloss auf einzelne Behinderungsmerkmale gesetzt wird («ein Kind mit der Behinderung X hat die Massnamen Y zugute»). Hier kann der verbindliche Einsatz des vor kurzem entwickelten Standardisierten Abklärungsverfahrens eine hilfreiche Orientierung bieten: Es fokussiert stark auf die Entwicklungs- und Bildungsziele und bleibt nicht bei der Diagnose stehen. Aufgrund dieser strukturierten Zieldefinition lässt sich unter allen Beteiligten – bis hin auf juristischer Ebene – klarer argumentieren und einschätzen, welche Schulungsform und welche Unterstützungsmassnahmen als angemessen und fair zu betrachten sind.

⇒ Lesenswerte Medienmitteilung (pdf-Datei) von insieme und Egalité Handicap

«Rezeptbuch schulische Integration»: In 15 Monaten bereits viermal nachgedruckt

Erfreulich: Nachdem das «Rezeptbuch schulische Integration» im März 2011 erschienen ist, musste es schon viermal nachgedruckt werden. Einige Korrekturen an Text und Layout konnten bei dieser Gelegenheit vollzogen werden.

Flyer | Inhaltsverzeichnis und Vorwort

Online-Bestellung: buch.ch | ex libris | Haupt-Verlag | Amazon.de

Rezension (pdf 0.1 MB) vom Mai 2011 in der Zeitschrift «Bildung Schweiz»


Dieses praxisorientierte Buch wurde von einem Autorenteam (Peter Lienhard, Klaus Joller und Belinda Mettauer) verfasst und spricht vor allem Lehrpersonen und Schulleitungen der Regelschule an, aber auch Eltern, Fachpersonen der Sonderpädagogik und angrenzender Gebiete sowie Studierende. Es hat einen Umfang von 189 Seiten und beinhaltet 41 Abbildungen sowie 11 Tabellen.

Aus dem Inhalt:
– Gemeinsames Lernen als Ziel (ein Blick auf die gegenwärtige Realität der Volksschule, rechtliche und ethische Grundlagen, wissenschaftliche Erkenntnisse zu den Wirkungen der schulischen Integration)
– Integrative Schulen machen guten Unterricht (Merkmale eines Unterrichts, der sowohl Schülerinnen und Schülern ohne als auch mit Beeinträchtigungen entgegenkommt)
– Förderdiagnostik und Förderplanung (mit dem Vorschlag eines übersichtlichen Förderplanungszyklus und konkreten Beispielen für eine effiziente und koordinierte Umsetzung)
– So kann schulische Integration gelingen (mit Hinweisen, wie eine Schule auf dem Weg hin zu einer integrativeren Schule vorgehen und ihre Qualität selbst überprüfen kann)
– Kurzbeschriebe von empfehlenswerten Büchern, Materialien und Medien

Zwischen den Kapiteln sind Praxisbeispiele aus integrativen Schulen aus der Deutschland, der Schweiz, Italien, Schweden, Israel und Neuseeland zu finden. Sie zeigen pragmatische und oft verblüffend einfache Wege auf, wie die Schule integrativer gestaltet werden kann.

Immer mehr Schülerinnen und Schüler mit der Diagnose «geistige Behinderung»

Die «Vierteljahreszeitschrift für Heilpädagogik» (VHN) druckt regelmäßig E-Mail-Dialoge zwischen zwei sonderpädagogischen Fachpersonen ab. In der aktuellen Nummer 2/2012 unterhalten sich Hans-Rudolf Bischofberger (Leiter der Heilpädagogischen Schule der Stadt Zürich) und Peter Lienhard (Mitarbeiter an der Interkantonalen Hochschule für Heilpädagogik Zürich) über eine Thematik, die nicht nur ihnen Kopfzerbrechen bereitet: Wie kommt es, dass der Anteil an Schülerinnnen und Schüler mit der Diagnose «geistige Behinderung» vielerorts dramatisch ansteigt? In der Stadt Zürich beispielsweise waren es vor zehn Jahren 120 Schülerinnen und Schüler; heute sind es 440, mehr als dreieinhalb Mal so viel.

Der E-Mail-Dialog geht über die Suche nach Ursachen hinaus und mündet in visionären Organisations- und Ressourcierungsmodellen, die aufgrund des finanzpolitischen Drucks, die Sonderschulzahlen nicht weiterhin ungebremst steigen zu lassen, allenfalls schon bald Realität werden könnten.

Die VHN dürfte in den meisten sonderpädagogisch ausgerichteten Bibliotheken einsehbar sein. Das Heft oder auch nur dieser eine Artikel kann beim Reinhard-Verlag online erworben werden (als Printausgabe oder als pdf-Datei).

Ein Klick aufs Bild zeigt einen kleinen Ausschnitt des E-Mail-Dialogs.

Förderdiagnostisches Praxismodell für die Sekundarstufe I

Roger Mäder und Jürg Senn arbeiten als Schulische Heilpädagogen an der Sekundarschule in Pratteln im Kanton Basel-Landschaft. Sie haben eine förderdiagnostische Konzeption erarbeitet, die bezüglich fachlicher Abstützung, Klarheit und Praxisfreundlichkeit ihresgleichen sucht.

Im Rahmen einer sorgfältig nachgeführten Internetseite stellen sie in verdankenswerter Weise alle Unterlagen gut dokumentiert frei zur Verfügung.

Auch wenn diese Konzeption für die Sekundarstufe I entwickelt wurde: Das Förderdiagnostische Praxismodell eignet sich durchaus auch für die Anwendung auf der Primarstufe.

Download der Präsentation (pptx, 9 MB) sowie des Handbuchs (pdf, 5 MB)

Radiosendung «Therapieren wir unsere Schulkinder zugrunde?»

Momentan wird die Thematik, dass Kinder bei jeder kleinen Abweichung therapiert würden, medial heiss gekocht – im Tages Anzeiger und in der NZZ am Sonntag war davon zu lesen. In einer Radio-Debatte, die am 11.11.2011 auf Radio DRS 2 im Sendegefäss «Kontext» ausgestrahlt wurde, «diskutieren» Lilo Lätzsch (Präsidentin des Zürcher Lehrerinnen- und Lehrerverbandes), Sefkia Garibovic (freiberufliche Expertin für Nacherziehung und systemische Therapie) sowie ich, Peter Lienhard (Dozent an der Interkantonalen Hochschule für Heilpädagogik Zürich). Moderiert wurde das Gespräch von Angelika Schett.

Weshalb «diskutieren» in Anführungszeichen? Frau Garibovic ging ausschliesslich von ihrer Erfahrung mit sehr problematischen, verfahrenen Einzelsituationen aus (Massnahmen-Odysee, Schulausschluss, massive medikamentöse Behandlungen, Entzug des Sorgerechts der Eltern). Daraus leitete sie extreme Generalisierungen zur Situation der Schule ab, was eine differenzierte Diskussion stark erschwerte.

Wer sich die Sendung trotzdem anhören möchte:
Radiosendung online anhören
Radiosendung als mp3-Datei herunterladen (14.5 MB)

Neues Standardwerk zum Thema Förderplanung erschienen

Gibt es nicht schon genügend Publikationen im Themenkreis der Förderdiagnostik und Förderplanung? Diese Frage ist deutlich zu verneinen, wenn man das eben erschienene Buch «Sonderpädagogische Förderung gemeinsam planen» vor sich hat. Es beginnt mit einer überzeugenden, gut verständlichen Begründung, weshalb Förderplanung von Kindern und Jugendlichen mit Beeinträchtigungen nicht dem Zufall überlassen werden darf. Im Folgenden werden verschiedene konkrete Umsetzungsformen der Förderplanung aufgezeigt. Diese Darstellungen erfolgen entlang einer einheitlichen Struktur (Anwendungsbereich | Theoretischer Hintergrund | Struktur und Aufbau des Instruments | Technische Hinweise zum Instrument), was sich als hilfreich erweist und Vergleiche der Unterschiede, Stärken und Grenzen der Verfahren ermöglicht. Das Buch schliesst mit Konsequenzen und Erfordernissen für die Aus- und Weiterbildung.

Diese Publikation ist ein Gemeinschaftswerk von Fachpersonen verschiedener Fachhochschulen der deutschsprachigen Schweiz. Entstanden ist ein praxisorientiertes, fachlich überzeugendes Buch, das mit Sicherheit den Status eines Standardwerks einnehmen wird.

Bestell-Link zur PHZH, zu buch.ch und zu amazon.de

Luder, Reto; Gschwend, Raphael; Kunz, André; Diezi-Duplain, Peter (Hrsg.) (2011). Sonderpädagogische Förderung gemeinsam planen. Grundlagen, Modelle und Instrumente für eine interdisziplinäre Praxis. Zürich: Verlag Pastalozzianum an der Pädagogischen Hochschule Zürich (157 S.).

Menschliche Eizellen auf eine Behinderung hin untersuchen und allenfalls zerstören – darf man das?

Ich mag die Art und Weise, wie der Moderator Frank Plasberg in seiner Sendung «hart aber fair» Themen aufgreift und diskutiert. In der Sendung vom 29.06.2011 geht es um die Frage, ob die Präimplantationsdiagnostik (PID) mehr Segen oder Fluch sei. Eine spannend zusammengesetzte Runde (Gesundheitspolitikerin, Arzt, Kirchenvertreter, betroffene Mutter sowie Guildo Horn, Musiker und Diplompädagoge [Bild]) diskutiert das Thema engagiert und zuweilen sehr emotional. Viele Fragen, die uns umtreiben mögen, kommen auf den Tisch: Ist ein mikroskopisch kleiner Zellhaufen bereits als menschliches Wesen zu betrachten? Führt die PID zu einem Dammbruch hin zum «Designerbaby nach Wunsch»? Werden Eltern, die keine pränatale Diagnostik durchführen möchten, gesellschaftlich geächtet («das hätte man nun wirklich verhindern können»)? Warum ist PID in etlichen Ländern verboten, die Abtreibung von monatealten Föten mit einer Behinderung jedoch erlaubt?

Man kann sich die rund 75 minütige Sendung als WebStream (video) anschauen oder als PodCast (audio) (Achtung: 73 MB) herunterladen.

Standardisiertes Abklärungsverfahren liegt in der Endversion vor

In der Schweiz hat sich die Invalidenversicherung (IV) aus der Sonderschulfinanzierung zurückgezogen. Neu sind die Kantone für die Bildung aller Kinder und Jugendlicher – ob ohne oder mit Beeinträchtigungen – verantwortlich. Zur Unterstützung der Feststellung des individuellen Bedarfs wurde von der Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektorinnen und Erziehungsdirektoren (EDK) die Ausarbeitung eines «Standardisierten Abklärungsverfahrens» (SAV) in Auftrag gegeben. Inzwischen liegt das SAV-Dossier, datiert vom 16. April 2011, in der Endversion vor: deutschsprachige Version, pdf 2.5 MB | version française, pdf 2.7 MB

Weitere Informationen:
– Link zur Projekt-Homepage
– Link zu vertiefenden Informationen und Materialien zum Standardisierten Abklärungsverfahren (in der Auswahl links auf «Standardisiertes Abklärungsverfahren» klicken)
– EDK-Entscheid «Verabschiedung des allgemeinen Konzepts des ’standardisierten Abklärungsverfahrens zur Vermittlung des individuellen Bedarfs’» pdf 0.5 MB | EDK-Mitteilung «Neues Abklärungsverfahren Sonderpädagogik» pdf 0.1 MB

Standortgespräche unter Einbezug jüngerer Schülerinnen und Schüler

Bei Standortgesprächen stellt sich immer die Frage, ob (und falls ja, ab welchem Alter) die Schülerin oder der Schüler selbst teilnehmen soll. Nicht selten wird davon abgesehen, weil die Gesprächsform «über den Kopf des Kindes hinweg» gestaltet wird.

Innovative Grundstufenlehrpersonen haben ein Verfahren entwickelt, um Standortgespräche mit Kindern ab dem Alter von rund sechs Jahren durchführen zu können. In der Zeitschrift «4bis8» ist ein entsprechender Artikel zu finden (Ausgabe Oktober 2010, Autorenteam R. Beck, K. Grundkötter, P. Lienhard, H. Schelbert). Die Materialien sind auf das im Kanton Zürich entwickelte Verfahren «Schulische Standortgespräche» abgestimmt.

Hilfsmaterialien zu diesen Gesprächen werden von den Entwicklerinnen und Entwicklern – besonders zu erwähnen sind Klaus Grundkötter [Text] und Christine Betschon [Bilder] – kostenlos zur Verfügung gestellt. Hier kann eine zip-Datei heruntergeladen werden, die auch eine Anleitung enthält. Kommentierte Referatsfolien können hier heruntergeladen werden.

Im Artikel «Damit alle vom Gleichen reden» (Zeitschrift 4bis8, Autorenteam Beck, Grundkötter, Lienhard & Schelbert) wird das Verfahren kurz und knapp erklärt.

Bild: Grundstufenlehrer Klaus-Peter Grundkötter führt mit einem Schüler ein vorbereitendes Standortgespräch durch. Erkennbar ist eine von mehreren Wort/Bildkarten sowie eine Smilie-Ratingskala.

Standardisiertes Abklärungsverfahren für die Ermittlung des individuellen Bedarfs verabschiedet

In der Schweiz hat sich die Invalidenversicherung (IV) aus der Sonderschulfinanzierung zurückgezogen. Neu sind die Kantone für die Bildung aller Kinder und Jugendlicher – ob ohne oder mit Beeinträchtigung – verantwortlich. Unter den Regelungen der IV musste ein schädigungsbezogenes Kriterium nachgewiesen werden, um Gelder für eine zusätzliche Förderung auszulösen. Dieser Fokus hatte etliche Nachteile: Ein bestimmter IQ sagt einem noch nicht, welchen Förderbedarf ein Kind hat … und wenn eine Kind eine Beeinträchtigung hatte, zu der es kein IV-Kriterium gab, hatte es entweder Pech – oder man musste im diagnostischen Prozess irgend ein IV-Kriterium «hinbiegen».

In den vergangenen Jahren wurde im Rahmen eines breit abgestützten, nationalen Projekts ein «Standardisiertes Abklärungsverfahren für die Ermittlung des individuellen Bedarfs» entwickelt. Es ermöglicht eine breitere Sicht als dies beim Nachweis der IV-Kriterien der Fall war. Die Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektorinnen und Erziehungsdirektoren (EDK) hat das Verfahren an ihrer Plenarversammlung vom 17. Juni 2010 verabschiedet. Es wird derzeit daran gearbeitet, das Verfahren in elektronischer Form zur Verfügung zu stellen.

Das Verfahren führt selbstverständlich nicht «einfach so» zu integrativeren Lösungen. Es kann aber helfen, solche zu planen und umzusetzen, weil die frühere, recht starre Linearität (z.B.: «geistige Behinderung = Besuch einer heilpädagogischen Schule») nicht mehr zwingend gegeben ist.

Weitere Informationen:
EDK-Entscheid «Verabschiedung des allgemeinen Konzepts des ’standardisierten Abklärungsverfahrens zur Vermittlung des individuellen Bedarfs’» pdf 0.5 MB | EDK-Mitteilung «Neues Abklärungsverfahren Sonderpädagogik» pdf 0.1 MB
Link zu vertiefenden Informationen und Materialien zum Standardisierten Abklärungsverfahren
Link zur Projekt-Homepage
Bild: dpa / http://www.taz.de/!23674/