Grundschulen auf Rügen arbeiten präventiv und integrativ

ruegen_blog_1Die Insel Rügen liegt im äußersten Nordosten Deutschlands. Das muss nicht bedeuten, dass sich die dortigen Grundschulen entwicklungsmäßig hinter dem Mond befinden: Im Rahmen einer Studienreise der Interkantonalen Hochschule für Heilpädagogik (HfH) Zürich Ende April 2015 konnten wir uns davon überzeugen, dass dem nicht so ist.

Zu Beginn des Schuljahres 2010/11 wurde in allen Rügener Grundschulen mit Unterstützung der Uni Rostock ein umfassender Entwicklungsprozess gestartet. Er läuft unter den Bezeichnungen «Rügener Inklusionsmodel» (RIM) und «Präventive und Integrative Schule auf Rügen» (PISaR). Mir persönlich gefällt die etwas weniger vollmundige zweite Bezeichnung besser.

Das Rügener Modell hat zum Ziel,
– durch präventive Maßnahmen auf verschiedenen Ebenen
– sowie eine evidenzbasierte Praxis und Diagnostik
– und eine systematische Lernfortschrittsdokumentation
den Lernerfolg möglichst aller Schülerinnen und Schüler zu sichern. Das bedeutet unter anderem, dass man sich evidenzbasiert auf bestimmte Lehrmittel geeinigt hat und einheitliche Instrumente zur Lernstanderfassung einführte.

Wie schafft man einen solchen Veränderungsprozess im Umfeld Schule, in welchem die Lehr(mittel)freiheit ausgesprochen stark gewichtet wird?

Zunächst einmal haben sich die Schulleitungen der 16 Grundschulen auf Rügen (Klassen 1 bis 4) gemeinsam bereit erklärt, dieses Projekt umzusetzen. Ein engagierter Schulrat hat diesen Prozess gewollt und engagiert vorangetrieben. Den theoretischen Überbau, die Instrumentenentwicklung sowie ein guter Teil der Fortbildungen wurden durch die Uni Rostock beigesteuert.

Das Modell, welches sich an den US-Amerikanischen «Response to Intervention»-Ansatz anlehnt, lässt sich in aller Kürze am besten anhand der oben abgebildeten Pyramide erklären (ein Klick aufs Bild macht es größer):
– Alle Schülerinnen und Schüler sollen in erster Linie durch einen exzellenten, differenzierenden Unterricht gefördert werden («Ebene 1»). Bei sämtlichen Kindern werden regelmäßig sehr kurze Lernstand-Checks – so genannte «Curriculum-based Measurements» (CBM) – durchgeführt. In größeren Abständen erfolgt eine umfassendere Lernstanderfassung.
– Zeigt sich, dass ein Kind den erwarteten Leistungsstand trotz differenziertem Unterricht nicht erreicht, wird es (in der Regel von der Klassenlehrperson) zusätzlich in Kleingruppen gefördert («Ebene 2»). Diese Zusatzförderung wird wieder aufgehoben, sobald das Kind seine stofflichen Defizite hat ausgleichen können. Die sonderpädagogische Lehrperson ist hier nicht direkt aktiv, steht den Klassenlehrpersonen jedoch beratend zur Verfügung.
– Gelingt es einem Kind trotz Ebene-2-Förderung nicht, die Lernziele zu erreichen, führt die sonderpädagogische Lehrperson eine vertiefte Förderdiagnose durch. Zeigt es sich, dass eine individualisierte Förderung notwendig ist, wird diese im Einzel- oder Kleinstgruppensetting angeboten («Ebene 3»). Häufig besuchen diese Kinder auch den Gruppenunterricht auf der Ebene 2.

ruegen_blog_2_anonymisiertIch fasse meine Eindrücke und Einschätzungen aufgrund der Schulbesuche und Gespräche wie folgt zusammen:
– Es ist absolut beeindruckend, was in der kurzen Zeit (seit Schuljahresbeginn 2010/11) erreicht worden ist. In allen Grundschulen auf Rügen wird nach dem Drei-Ebenen-Modell und mit einheitlichen Lehrmitteln in den Fächern Deutsch und Mathematik gearbeitet. Für Schülerinnen und Schüler mit auffälligem Verhalten werden Trainings und andere Maßnahmen angeboten. Diese Entwicklung war nur möglich durch klare Führung und großen Konsens der Schulleitungen sowie durch die engagierte Unterstützung der Fachpersonen der Uni Rostock. Natürlich waren nicht alle Lehrpersonen gleichermaßen begeistert von den Umstellungen, die direkt ins unterrichtliche Kerngeschäft eingriffen. Zudem stellten die zahlreichen Fortbildungen eine deutliche Zusatzbelastung dar. Dennoch hatten wir den Eindruck, dass sehr viele Lehrpersonen positiv mitziehen.
– Die regelmäßigen Lernstanderfassungen führen dazu, dass die Lehrpersonen sehr genau wissen, wo ihre Schülerinnen und Schüler leistungsmäßig stehen. So können sie ohne lange Erklärungen effizient über die Förderung der Kinder sprechen. Den Kindern selbst wird ebenfalls zurückgemeldet, wo sie stehen und wie sich ihre Leistungskurve verändert – ein nicht zu unterschätzender Aspekt, weil sie so auch die Früchte ihres eigenen Zusatzaufwands erkennen können.
– Dadurch, dass die Klassenlehrpersonen auch für die zusätzliche Förderung auf Ebene 2 zuständig sind, erleben sie sich als zuständig und handlungsfähig, auch Kinder mit Lernschwierigkeiten gezielt zu unterstützen. Der Reflex, schon bei geringen Lernproblemen nach einer Delegation an die sonderpädagogische Lehrperson zu rufen, erfolgt seltener und später.
– Das Wissen um den Lernstand der Kinder und die gewisse Standardisierung von Lehrmitteln und Lernstanderfassungsinstrumenten erleichtern Zusammenarbeit und Koordination der Förderung enorm. Die Inhalte der Ebenen 1 und 2, aber auch die individualisierte Förderung auf der Ebene 3 sind gut aufeinander abgestimmt und durchlässig.

Natürlich gelingt die Umsetzung noch nicht in allen Bereichen «im Sinne der Erfinder» ideal. So erfüllen noch nicht alle Unterrichtsstunden den Anspruch eines excellenten und differenzierenden Unterrichts. Zudem ist die Frage, wie Schülerinnen und Schüler mit massiven Beeinträchtigungen innerhalb dieses Modells angemessen gefördert werden können, erst ansatzweise geklärt. (Trotz der Bezeichnung «Rügener Inklusionsmodell» sind weiterhin einige separativ arbeitende Förderschulen vorgesehen, wobei die Schülerzahlen in der Sonderschule für Lernbehinderte stetig zurückgehen.) Und der starke Fokus auf den Lernstand in den Kernfächern Deutsch und Mathematik birgt die Gefahr des «teaching to the test» mit einer Untergewichtung von anderen wichtigen Aspekten des Lernens, wie beispielsweise demjenigen des entdeckenden Lernens.

Dennoch sind die Rügener Erfolge deutlich sichtbar: Schülerinnen und Schüler, die andernorts in Kleinklassen oder Sonderschulen für Lernbehinderte geschult werden, werden erfolgreich integriert. Für den Umgang mit verhaltensauffälligen Kindern stehen Ideen und Programme zur Verfügung, die Wirkung zeigen. Die Klassenlehrpersonen haben den Überblick über den Lernstand der Kinder und erhalten Ideen, Materialien und Instrumente für deren zielgerichtete Förderung. Und schließlich klärt und erleichtert das Modell den Einsatz und die Zusammenarbeit von Klassenlehrperson und sonderpädagogischer Lehrperson.

Es ist nicht selbstverständlich, dass sich Kolleginnen und Kollegen in Grundschulen, Förderschulen und Universitäten Zeit nehmen, um ihre Arbeit zu zeigen und darüber auszutauschen. Genau dieses Entgegenkommen und diese Offenheit haben wir im Rahmen dieser HfH-Studienreise auf Rügen erleben dürfen. Ganz herzlichen Dank dafür!

Umfassende Informationen und Materialien zum «Rügener Inklusionsmodell» (RIM) sind hier zu finden.

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