In Moldawien herrschen schwierige Bedingungen für die schulische Integration

Bevor ich die Republik Moldowa zum ersten Mal besuchte, wusste ich nicht einmal so recht, wo sie liegt: Westlich grenzt dieses Land, das kleiner ist als die Schweiz, an Rumänien. Nördlich, östlich und südlich ist es von der Ukraine umgeben. Das schwarze Meer ist nicht weit.
Bis zum Beginn der 90-er-Jahre war Moldawien Teil der UdSSR. Das Bildungssystem wurde nach sowjetischem Muster ausgerichtet und seither nicht wesentlich verändert. Wie jedes System hat auch dieses Vor- und Nachteile:
– Der Kindergarten und die Schule sind Lebensräume, die je nach Bedürfnissen der Eltern den ganzen Tag zur Verfügung stehen. Die Gemeinschaft wird gross geschrieben. Der Unterricht ist hoch strukturiert, was für einzelne Kinder einen hilfreichen Halt gibt. Einzelne Lehrpersonen sind pädagogisch sehr geschickt und machen zwar traditionellen, aber guten Unterricht.
– Der Unterricht ist darauf ausgerichtet, dass alle zur gleichen Zeit dasselbe tun. Kreativität hat ihren Platz nur in den dafür vorgegebenen Bahnen. Der Konkurrenzdruck ist allgegegenwärtig. Wer schwächer oder in irgend einer Weise „anders“ ist, hat einen schweren Stand. Es gibt zwar einen schulpsychologischen Dienst, doch scheint dieser vor allem die Funktion zu haben, dem Kind zu Systemkonformität zu verhelfen (… was in anderen Ländern ja nicht wirklich anders ist, jedoch nicht in so dominanter Art und Weise).

Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion ist Moldawien zunehmend verarmt. Der Bereich der öffentlichen Bildung hat mit der Entwicklung von Subsystemen reagiert:
– Einzelne Volksschulen haben ein besonderes Profil, beispielsweise französische oder deutsche Kultur und Sprache als Schwerpunkt. Sie werden in Moldawien „Lyceum“ genannt. Auf dem Bild ist eine vierte Klasse eines solchen Lyceums zu sehen. Diese Schulen machen Eintrittstests mit Schulanfängern (Grundlagen des Lesens und Rechnens werden bereits im Kindergarten vermittelt). Lycenums-Volksschulen nehmen nur Kinder auf, die ihnen genügend leistungsfähig erscheinen. Wenn ein Kind später schlecht mitkommt, kann man (wenn die Lehrperson dazu bereit ist und die Eltern sich das leisten können) auf privater Basis bei der Klassenlehrperson (!) zusätzliche Einzelförderung einkaufen. Das ist ein willkommener Zustupf zum tiefen Lehrerlohn (umgerechnte ca. 300-350 € im Monat). Staatlich finanzierte Unterstützungsmassnahmen gibt es nicht. Darüber hinaus spenden die Eltern Geld in eine Schulkasse. Dafür kann sich die Schule zusätzliche Materialien kaufen, einen Mehrzweckraum renovieren oder einen Schulanlass finanzieren … und das Kind von spendefreudigen Eltern kann, so vermute ich stark, mit «angemesserenen» Schulnoten rechnen.
– Andere Volksschule nehmen theoretisch alle Kinder auf, aber auch sie machen Eintrittstests. Wer die Buchstaben nicht kennt oder vielleicht ein logopädisches Problem hat, kann eine Absage erhalten und ist damit vom Volksschulunterricht ausgeschlossen. In diesen Schulen ist (im Vergleich zu den Lycen) nicht nur die Durchmischung breiter und schwieriger; die Löhne der Lehrpersonen sind hier nochmals tiefer (ca. 250 €). Die Eltern dieser Schülerschaft können in der Regel auch weniger Geld „spenden“, weshalb diese Schulen zusätzlich schlechter gestellt sind.
– Schafft es ein Kind auch in einer solchen Schule nicht, wird es zuhause gelassen (die Familie bekommt für ein schwer behindertes Kind umgerechnte 30 € pro Monat … meist kann die Mutter nicht arbeiten gehen … entsprechend reicht dieses Geld nirgends hin), oder es kommt in ein Heim für behinderte Kinder. Hier sind die Kinder vollständig von ihrem bisherigen Umfeld abgeschnitten. Das Personal ist schlecht ausgebildet, miserabel bezahlt und entsprechend unmotiviert.

Ich hatte die Gelegenheit, sowohl in der Stadt als auch auf dem Land verschiedene ärmere Famlien zu besuchen. Die Not ist unbeschreiblich. Oft leben ganze Familien in einem oder zwei kleinen Zimmern.

Dieses Mädchen ist körperlich behindert. Ihre Beine sind deformiert, die Arme gelähmt. Kognitiv ist sie nicht beeinträchtigt, im Gegenteil: Sie macht einen ausgesprochen aufgeweckten Eindruck. Sie malt mit dem Mund und mit seinem rechten Fuss. Aufgrund der körperlichen Behinderung ist sie jedoch von allen Bildungsangeboten ausgeschlossen – für Besucher aus der Schweiz eine schwierig zu verdauende Tatsache.

Die Hilfsorganisation „Green Cross Schweiz“ unterstützt Projekte zugunsten behinderter Kinder und Jugendlicher sowie benachteiligter Familien in Moldawien. Es werden in diesem Land besonders viele Kinder mit Missbildungen geboren, weil Moldawien vor rund 25 Jahren von einer Tschernobyl-Wolke überzogen wurde … und die damalige Regierung das Volk nicht gewarnt hat. So wurden zahlreiche Menschen nachhaltig radioaktiv kontaminiert und tragen ein geschädigtes Erbgut weiter.
Die Umsetzung von Unterstützungsprojekten ist nicht einfach, doch es gibt keine Alternative: Wenn man die Situation dieser Kinder und Familien verbessern will, braucht es ein klares Engagement.

Link zu Green Cross Schweiz
Link zur Partnerorganisation in Moldawien (Foundation Echo of Chernobyl)

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