Integrative Schule im Gegenwind

In diesem Artikel (NZZ vom 12.02.2011; pdf, 0.3 MB) wird aufgezeigt, dass die Umsetzung einer integrativeren Volksschule in der Schweiz sehr unterschiedlich verläuft. Es gibt also offensichtlich erfolgreichere und ungünstigere Vorgehensweisen.

Unter anderem wird eine überaus absurde Entwicklung angesprochen, die derzeit in vielen Kantonen läuft: Etliche Kinder mit Beeinträchtigungen werden zu Sonderschülern umettikettiert. Vor allem «geistig behinderte» Kinder schiessen wie Pilze aus dem Boden. Es ist offensichtlich, aus welcher Motivation heraus dies geschieht: Jedes dieser Kinder löst Ressourcen aus, die der Regelschule zugute kommen. Das ist keine böse Absicht, sondern scheint darauf hinzuweisen, dass sich die Regelschule ohne diese Zusatzressourcen als zu wenig tragfähig einschätzt.

Es ginge auch anders: In den Grundstufenversuchen des Kantons ist grundsätzlich mehr Personal eingeplant: Über die meiste Zeit sind im Unterricht zwei Lehrpersonen anwesend. Die heilpädagogische Unterstützung erfolgt integrativ. Oft übernimmt die Fachperson in Schulischer Heilpädagogik auch die Deutschunterstützung für Fremdsprachige. So entstehen sinnvolle Pensen, die auf wenige Personen verteilt sind. Die wissenschaftliche Evaluation der Grundstufenversuche hat gezeigt, dass praktisch keine Kinder in eine Sonderklasse oder eine Sonderschule haben wechseln müssen … und weil dieses Schulmodell offenbar genügend tragfähig ist, mussten auch kaum Kinder künstlich zu Sonderschülern gemacht werden.

Dieses Prinzip könnte auf die ganze Volksschule ausgeweitet werden. In einer längeren Übergangsphase wäre zwar mit erheblichen Mehrkosten zu rechnen, weil eine Zeitlang ein gestärktes Regelklassensystem neben dem traditionellen Sonderschulsystem bestehen würde. Mehr und mehr würden jedoch einzelne Sonderschulplätze nicht mehr benötigt und könnten schrittweise abgebaut werden – mit gutem Gewissen und ohne ideologisch motivierten Zwang.

Dass ein solches System erfolgreich funktionieren kann, konnte ich in Neuseeland an verschiedenen Schulen beobachten: In jeder Klasse mehr als eine Lehrperson, differenzierte Unterrichtsformen, altersdurchmischtes Lernen, behinderungsspezifische Unterstützung von Fachstellen, flächendeckende Integration von Schülerinnen und Schülern mit Beeinträchtigungen.

N A C H T R A G : Leserbriefe (NZZ vom 16. und 17.02.2011) . Sie zeigen gut die grosse Bandbreite der Ansichten und Argumente dieser Thematik gegenüber auf.

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