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Eine neue und hilfreiche Sicht auf die Diagnose «ADHS»

jenniDie Diagnose «Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung» (ADHS) ist herausfordernd, komplex, nicht optimal trennscharf … und aus diesem Grund in vielen Fällen umstritten und anfechtbar. Gleichzeitig wissen viele von uns aus eigener Erfahrung, dass es Kinder, Jugendliche und Erwachsene gibt, die nachvollziehbar mit grossen Handicaps bezüglich ihrer Aufmerksamkeits- und Aktivitätssteuerung zu kämpfen haben. Die in diesem Zusammenhang oft gestellte Schwarz-Weiss-Frage «Ist das jetzt wirklich ein ADHS oder nicht?» kommt dann regelmässig auf, bringt aber im Alltag nicht allzu viel, weil sie nur ungenügend handlungsleitend ist.

Oskar Jenni (Leitender Arzt am Kinderspital Zürich, Abteilung Entwicklungspädiatrie) legt einen neuen Ansatz vor, der meiner Meinung nach wirklich weiterhilft: Er versteht ADHS als Spektrumsstörung, bei der nicht nur auf den betroffenen Menschen selbst fokussiert werden soll, sondern systematisch auch auf das Umfeld mit seinen Erwartungen, Ressourcen und Grenzen. Besonders wichtig ist ihm auch die Einschätzung des subjektiv empfundenen Leidensdrucks des Kindes oder Jugendlichen selbst.

Jenni ist es gelungen, eine hilfreiche Konzeption gut nachvollziehbar und kompakt zu übermitteln … ein Fachartikel, wie er sein soll.

Download Fachartikel (Monatszeitschrift Kinderheilkunde 2016/164:271-277, online publiziert am 29.01.2016)

Inflation der Diagnosen ADHS und Autismusspektrumstörung

schuheIn den USA wird bereits jedem zehnten Kind die Diagnose Aufmerksamkeitsdefizit-/ Hyperaktivitätsstörung (ADHS) zugeschrieben. Ähnlich rasant nehmen die diagnostizierten Autismusspektrumsstörungen (ASS) zu – auch in der Schweiz. Zwei lesenswerte Beiträge gehen der Frage nach, inwieweit diese Entwicklung hilfreich oder kontraproduktiv sei.

Der Kinderarzt Oskar Jenni – er leitet seit 2005 die Abteilung Entwicklungspädiatrie des Kinderspitals Zürich – plädiert für eine Anhebung der diagnostischen Schwelle (Artikel im Tages Anzeiger vom 20.04.2013, pdf 1.4 MB): Nur noch die schwersten Fälle sollen für eine psychiatrische Diagnose qualifizieren. Die Verhaltens- und Lernprobleme, die bei den «weicheren» Fällen bestehen, müssten durchaus ernst genommen werden, aber auf eine andere Art und Weise. Wichtig sei «die umfassende Beschreibung der Eigenheiten deines Kindes, seines Umfelds und der Probleme». Die inflationäre Zuschreibung dieser Diagnosen erachtet Jenni als kontraproduktiv. Er schliesst seinen Beitrag wie folgt: «Ein mutiger Schritt wäre, auf Diagnosen zu verzichten, die hauptsächlich auf subjektiven Einschätzungen beruhen und damit viel Interpretationsspielraum zulassen. Aber dazu ist die Zeit wahrscheinlich noch nicht reif.»

Eine ähnliche Haltung vertritt Alessia Schinardi vom Sozialpädiatrischen Zentrum in Winterthur (Beitrag im Schweiz Med Forum, 2011, pdf 0.5 MB): Viele Fälle, die ihr zur Begutachtung einer allfälligen ASS unterbreitet werden, seien durch Eltern, Lehrpersonen oder Fachpersonen der Schulpsychologie bereits inoffiziell diagnostiziert worden. Continue reading ‘Inflation der Diagnosen ADHS und Autismusspektrumstörung’ »