Posts tagged ‘Begabung’

Hilfreicher Orientierungsrahmen für Massnahmen des Nachteilsausgleichs

graphik_nachteilsausgleichSchulen und andere Ausbildungsinstitutionen werden immer häufiger mit dem Thema «Nachteilsausgleich» konfrontiert. Massnahmen des Nachteilsausgleichs sollen Menschen mit einer Funktionseinschränkung – aber gutem Potenzial, um die Ausbildungsziele erreichen zu können – einen erfolgreichen Abschluss ermöglichen. Das wollen sowohl die Schweizerische Bundesverfassung als auch das Behindertengleichstellungsgesetz – und das ist gut so.

Massnahmen des Nachteilsausgleichs sind aber delikat: Es handelt sich um «Ungleichbehandlungen» mit dem Ziel, «Gleichbehandlung» zu erreichen. Bei einem Stotterer, der eine mündliche Prüfung zu bestehen hat, aber in der vorgesehenen Zeit zu wenig zeigen kann, was er wirklich weiss, leuchtet wohl allen ein, dass er eine Massnahme des Nachteilsausgleichs zugute hat – nämlich mehr Zeit für das Ablegen der mündlichen Prüfung. In anderen Fällen ist die Sache nicht so klar. Und immer dann, wenn fraglich ist, ob jemand durch eine Nachteilsausgleichsmassnahme bevorzugt wird (oder ob bei dieser Person Abstriche bei der geforderten Leistung gemacht werden), stellen sich Fragen der Gerechtigkeit und der Gleichbehandlung.

Der vorliegende «Orientierungsrahmen Nachteilsausgleich» soll helfen, Massnahmen des Nachteilsausgleichs von anderen Massnahmen (z.B. sonderpädagogischer Unterstützung, Notenverzicht, Dispensationen, individuellen Lernzielen) unterscheiden zu können. Zudem werden wichtige Leitplanken und Schlüsselfragen für eine transparente und faire Vereinbarung von Nachteilsausgleichsmassnahmen aufgezeigt.

Der Orientierungsrahmen orientiert sich an der «Wegleitung Nachteilsausgleich» (Henrich et al., 2012). Diese Publikation ist im oben angegebenen Link ebenfalls zum Download bereitgestellt.

Artikel in der Zeitschrift Gymnasium Helveticum 5/2014 «Nachteilsausgleich – oder die Herausforderung, Gerechtigkeit durch Ungleichbehandlung herzustellen» (pdf, 8.8 MB)

Geht die Begabtenförderung in der integrativen Schule auf oder unter?

stufen_begabtenfoerderungIn der Debatte um die schulische Integration resp. Inklusion droht die Frage der Förderung von Schülerinnen und Schülern mit besonderer Begabung unterzugehen. Das ist nicht gut.

In einem Beitrag, der in der neuesten Publikation der LISSA-Stiftung «Begabungsförderung integriert» abgedruckt ist, sind unter anderem verschiedene Stadien beschrieben, in denen sich Schulen bezüglich Begabungs- und Begabtenförderung befinden können (ein Klick auf die Abbildung links macht sie grösser):

Negation: Wenn sich der Unterricht an einer fiktiven «durchschnittlichen Leistungsfähigkeit» orientiert, werden besonders begabte Schülerinnen und Schüler weder erkannt noch sind sie erwünscht, weil sie den Homogenitätsanspruch («alle tun zur gleichen Zeit dasselbe auf dem gleichen Niveau») stören.
Delegation: Die pädagogische Herausforderung, auch besonders begabten Kindern und Jugendlichen gerecht zu werden, wird an ein spezielles Pull-Out-Programm delegiert. Der eigene Unterricht bleibt von einer entsprechenden Veränderung verschont.
Infiltration: Einzelne Fachpersonen für Begabtenförderung, die in solchen Pull-Out-Programmen tätig sind, infiltrieren auf geschickte Weise Förderideen (sei es durch Projekte oder Team-Teaching) in die Klassen und letztlich in die Unterrichtspraxis der Lehrpersonen im Schulhaus.
Kooperation: Die Fachperson für Begabtenförderung arbeitet (konzeptuell vorgesehen und entsprechend verbindlich) in vielfältiger Weise mit Regellehrpersonen zusammen, was die Breitenwirkung der Begabungs- und Begabtenförderung innerhalb des Schulhauses erhöht.
Evolution: Die Schule hat sich dafür entschieden, die klassenbezogenen Unterrichts- und Förderstrukturen so zu verändern, dass sie sowohl lernschwachen als auch besonders begabten Schülerinnen und Schülern besser entgegen kommen.

⇒ Der Fachartikel ist hier herunterladbar: pdf-Datei, 1.9 MB
⇒ Die Broschüre mit diesem Beitrag und verschiedenen Beschreibungen von preisgekrönten Schulmodellen ist im Buchhandel unter der ISBN-Nummer ISBN 978-3-033-03894-3 für CHF 20.00 erhältlich. Personen, welche im Schulbereich tätig sind, können hier ein kostenloses Exemplar bestellen.
⇒ Interessanter Artikel zur Thematik aus der Wochenzeitung DIE ZEIT vom 21. März 2013: pdf-Datei, 1.3 MB

Ist ein Nachteilsausgleich im Bildungsbereich notwendig oder unfair?

Dieses Bild passt nur bedingt zur Thematik. Ich habe es trotzdem gewählt, weil es die folgende Tatsache symbolisieren soll: Kinder und Jugendliche können oftmals trotz Beeinträchtigungen erstaunliche Leistungen erbringen, wenn sie die entsprechenden Bedingungen dafür vorfinden. Damit sind beispielsweise Hilfsmittel, Reglementierungen und Haltungen gemeint. Vor allem dann, wenn es um Prüfungssituationen geht, stellt sich die Frage, inwieweit behinderungsbedingte Ausgleichsmassnahmen zum Einsatz kommen sollen – oder ob diese gerade nicht gewährt werden sollen, um den Betroffenen keinen unangemessenen Vorteil zu verschaffen.

Es geht also um Fragen wie diese: Wie soll eine Schülerin mit schwerer Lese-Rechtschreib-Schwäche im Fach Deutsch beurteilt werden? Darf ein Stotterer an einer mündlichen Prüfung mehr Zeit erhalten?

Ein interdisziplinäres Team (Glockengiesser, Henrich, Lienhard, Scheuner und Schriber) hat sich dieser Thematik angenommen. Es zeigt in einem praxisorientierten Artikel auf, weshalb Massnahmen des Nachteilsausgleichs wichtig sind, welche Prinzipien dabei zu berücksichtigen sind und wie verhindert werden kann, dass der Grundsatz der Fairness gegenüber den nicht beeinträchtigen Schüler/innen verletzt wird. Zusätzlich zum Artikel stellt die Autorenschaft drei beispielhafte individuelle Vereinbarungen zum Nachteilsausgleich zur Verfügung.

Wegleitung Nachteilsausgleich (pdf 0.4 MB)
Artikel aus der SZH-Zeitschrift 7-8/2012 (pdf 0.2 MB)
Drei Beispiele von Vereinbarungen zum Nachteilsausgleich (pdf 0.1 MB)

Erfolgreiche gymnasiale Förderung von Jugendlichen mit Migrationshintergrund

[Bild: Tages-Anzeiger] Für das Gymnasium Unterstrass war der Freitag der 13. (April 2012) kein Unglückstag – vielmehr gab es etwas zu feiern: Die vierte Generation von ChagALL-Jugendlichen konnte aufgenommen werden. Zudem konnte die an der Feier anwesende Bildungsdirektorin Regine Aeppli bestätigen, dass der Kanton Zürich dieses erfolgreiche Projekt ab sofort massgeblich mitfinanziert.

Worum geht es? ChagALL steht für «Chancengerechtigkeit durch Arbeit an der Lernlaufbahn». Begabte Jugendliche mit Migrationshintergrund, die nicht auf die Unterstützung eines bildungsnahen Elternhauses zählen können, werden während der Sekundarschulzeit gezielt auf den Gymnasiumseintritt hin unterstützt. Für die Jugendlichen bedeutet dies einen gewaltigen Zusatzaufwand: Jeden Mittwochnachmittag und etliche Samstage haben sie zusätzlich die Schulbank zu drücken. Erfreulich viel schaffen jedoch den Übertritt ins Gymnasium, und die Mehrheit von ihnen bleibt auch da.

Dieses Modell müsste vermehrt Schule machen. Wir können und dürfen es uns nicht leisten, das Potential von motivierten Jugendlichen mit Migrationshintergrund brach liegen zu lassen.

Der Beitrag des Kantons deckt nicht alle Kosten dieses Unterstützungsprojekts. Zuwendungen auf das Postkonto 80-2440-7 (Gymnasium Unterstrass, Zürich) sind gut investiert.

⇒ Link zum Förderprogramm ChagALL des Gymnasiums Unterstrass
⇒ Link zum Radiobeitrag vom 13.04.2012 (Radio DRS 1, Regionaljournal Zürich-Schaffhausen)
⇒ Artikel Tagesanzeiger vom 14. April 2012 (pdf, 0.3 MB)
⇒ Artikel Neue Zürcher Zeitung vom 14. April 2012 (0.3 MB)
Blogeintrag zum Projekt «ChagALL» Thematik vom Juni 2011

Eine gute Schule für alle kann auch über die «Begabtenschiene» entwickelt werden

Zuweilen wird man als realitätsfremden «pädagogischen Romantiker» belächelt, wenn man die Überzeugung vertritt, dass eine Schule mit differenzierenden und individualisierenden Angeboten lernschwachen und besonders begabten Schülerinnen und Schülern gleichermassen entgegen kommt. Ein Artikel in der ZEIT vom 21. Juli 2011 (Hilfe für Schlaue) berichtet über Schulen, die einen pädagogischen Entwicklungsprozess durchgemacht haben, um den Bedürfnissen von Kindern mit besonderen Begabungen besser entgegenkommen zu können. Es sind Elemente, die auch bei guten integrativen Schulen mit dem Fokus «Unterstützung von Kindern mit sonderpädagogischem Förderbedarf» zu finden sind. Es wäre zu wünschen, dass diese Parallele breit erkannt wird – und dass es weder nötig noch sinnvoll ist, inklusive pädagogische Entwicklungen zugunsten der «Schwächeren» oder der «Stärkeren» gegeneinander auszuspielen.