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Nachhallende Schulzimmer stressen … nicht nur hörbehinderte Lernende

Bei Unterrichtsbesuchen treffe ich immer wieder Schulzimmer an, die einen starken Nachhall haben. Nur schon das blosse Dabeisein löst nach einiger Zeit Stress aus. Das Zuhören ist mit einem erhöhten Aufwand verbunden. Normale Arbeitsgeräusche und Lerngespräche werden als belastender Lärm empfunden.

Schuld daran sind meist nicht zu stimmgewaltige Lehrpersonen oder zu laute Lernende, sondern akustisch katastrophale Schulzimmer. Wenn nun ein hörbehindertes Kind in einer solchen Umgebung gewinnbringend lernen soll, ist es mehr oder weniger aufgeschmissen. Das darf nicht sein. Es hat – unter anderem aufgrund des Behindertengleichstellungsgesetzes – Anrecht auf akustisch günstige Schulräume mit schalldämmendenden Massnahmen.

Der Schweizerische Verband für Gehörlosen- und Hörgeschädigtenorganisationen SONOS hat eine sehr hilfreiche Broschüre herausgegeben, die aufzeigt, was konkret vorgekehrt werden kann, um Lernräume für hörgeschädigte Schülerinnen und Schüler barrierefrei zu gestalten.

Ich denke, dass man einen Schritt weiter gehen sollte. Meines Erachtens müssen zumindest einzelne dieser schalldämmenden Massnahmen in sämtlichen Schulzimmern zum Tragen kommen. Sowohl Lernende als auch Lehrende werden stressärmer arbeiten und kommunizieren können, sich dadurch lieber in diesem Raum aufhalten und, so ist zu vermuten, bessere Lernresultate zeigen.

Die Broschüre ist hier herunterladbar (pdf-Datei, 7MB).

Hilfreicher Orientierungsrahmen für Massnahmen des Nachteilsausgleichs

graphik_nachteilsausgleichSchulen und andere Ausbildungsinstitutionen werden immer häufiger mit dem Thema «Nachteilsausgleich» konfrontiert. Massnahmen des Nachteilsausgleichs sollen Menschen mit einer Funktionseinschränkung – aber gutem Potenzial, um die Ausbildungsziele erreichen zu können – einen erfolgreichen Abschluss ermöglichen. Das wollen sowohl die Schweizerische Bundesverfassung als auch das Behindertengleichstellungsgesetz – und das ist gut so.

Massnahmen des Nachteilsausgleichs sind aber delikat: Es handelt sich um «Ungleichbehandlungen» mit dem Ziel, «Gleichbehandlung» zu erreichen. Bei einem Stotterer, der eine mündliche Prüfung zu bestehen hat, aber in der vorgesehenen Zeit zu wenig zeigen kann, was er wirklich weiss, leuchtet wohl allen ein, dass er eine Massnahme des Nachteilsausgleichs zugute hat – nämlich mehr Zeit für das Ablegen der mündlichen Prüfung. In anderen Fällen ist die Sache nicht so klar. Und immer dann, wenn fraglich ist, ob jemand durch eine Nachteilsausgleichsmassnahme bevorzugt wird (oder ob bei dieser Person Abstriche bei der geforderten Leistung gemacht werden), stellen sich Fragen der Gerechtigkeit und der Gleichbehandlung.

Der vorliegende «Orientierungsrahmen Nachteilsausgleich» soll helfen, Massnahmen des Nachteilsausgleichs von anderen Massnahmen (z.B. sonderpädagogischer Unterstützung, Notenverzicht, Dispensationen, individuellen Lernzielen) unterscheiden zu können. Zudem werden wichtige Leitplanken und Schlüsselfragen für eine transparente und faire Vereinbarung von Nachteilsausgleichsmassnahmen aufgezeigt.

Der Orientierungsrahmen orientiert sich an der «Wegleitung Nachteilsausgleich» (Henrich et al., 2012). Diese Publikation ist im oben angegebenen Link ebenfalls zum Download bereitgestellt.

Artikel in der Zeitschrift Gymnasium Helveticum 5/2014 «Nachteilsausgleich – oder die Herausforderung, Gerechtigkeit durch Ungleichbehandlung herzustellen» (pdf, 8.8 MB)

Inklusion zwischen Diskriminierungsverbot und «das geht nicht»

geteilte_lebensweltDer «Fall Henri» wird derzeit weit über Deutschland hinaus intensiv diskutiert. Dieser Junge mit Down-Syndrom hat die Primarschule integrativ besucht. Eine vergleichbare Weiterführung scheint nun nicht mehr möglich zu sein: Sowohl die Realschule als auch das Gymnasium vor Ort haben die Aufnahme von Henri abgelehnt (Beitrag NZZ online vom 20.05.2014, Beitrag SPIEGEL online vom 16.05.2014, sehr kritischer Artikel auf F.A.Z. online vom 20.05.2014).

Die Diskussion dieser Situation verläuft hoch kontrovers. Es tut sich ein Spannungsfeld auf zwischen «Inklusion ist gesetzt, das Diskriminierungsverbot gilt» und «das geht nicht, das macht doch keinen Sinn mehr». Geht man von einem regulären, herkömmlichen Unterricht in Real-, Sekundar- und Gymnasialklassen aus, ist die Frage nach der Sinnhaftigkeit tatsächlich zu stellen: Auch bei noch so geschickter Differenzierung wird es schwer fallen, Henri beispielsweise an einer Diskussion über den Ukraine-Konflikt oder an einer Mathematik-Lektion zum Thema Integralrechnung echt teilhaben zu lassen. Wer die Inklusionsfrage durch eine Schwarz-weiß-Brille betrachtet («Inklusion ist nur bei ständigem, 100-prozentigem gemeinsamem Lernen umgesetzt») wird sowohl die Schule als auch die betroffenen Schüler/innen in unlösbare Situationen rasseln lassen.

Wir brauchen eine Entkrampfung, um den Kopf frei zu bekommen für pragmatische, für alle Beteiligten lebbare Lösungen. Continue reading ‘Inklusion zwischen Diskriminierungsverbot und «das geht nicht»’ »

Erfolgreiche gymnasiale Förderung von Jugendlichen mit Migrationshintergrund

[Bild: Tages-Anzeiger] Für das Gymnasium Unterstrass war der Freitag der 13. (April 2012) kein Unglückstag – vielmehr gab es etwas zu feiern: Die vierte Generation von ChagALL-Jugendlichen konnte aufgenommen werden. Zudem konnte die an der Feier anwesende Bildungsdirektorin Regine Aeppli bestätigen, dass der Kanton Zürich dieses erfolgreiche Projekt ab sofort massgeblich mitfinanziert.

Worum geht es? ChagALL steht für «Chancengerechtigkeit durch Arbeit an der Lernlaufbahn». Begabte Jugendliche mit Migrationshintergrund, die nicht auf die Unterstützung eines bildungsnahen Elternhauses zählen können, werden während der Sekundarschulzeit gezielt auf den Gymnasiumseintritt hin unterstützt. Für die Jugendlichen bedeutet dies einen gewaltigen Zusatzaufwand: Jeden Mittwochnachmittag und etliche Samstage haben sie zusätzlich die Schulbank zu drücken. Erfreulich viel schaffen jedoch den Übertritt ins Gymnasium, und die Mehrheit von ihnen bleibt auch da.

Dieses Modell müsste vermehrt Schule machen. Wir können und dürfen es uns nicht leisten, das Potential von motivierten Jugendlichen mit Migrationshintergrund brach liegen zu lassen.

Der Beitrag des Kantons deckt nicht alle Kosten dieses Unterstützungsprojekts. Zuwendungen auf das Postkonto 80-2440-7 (Gymnasium Unterstrass, Zürich) sind gut investiert.

⇒ Link zum Förderprogramm ChagALL des Gymnasiums Unterstrass
⇒ Link zum Radiobeitrag vom 13.04.2012 (Radio DRS 1, Regionaljournal Zürich-Schaffhausen)
⇒ Artikel Tagesanzeiger vom 14. April 2012 (pdf, 0.3 MB)
⇒ Artikel Neue Zürcher Zeitung vom 14. April 2012 (0.3 MB)
Blogeintrag zum Projekt «ChagALL» Thematik vom Juni 2011

Integration von Jugendlichen mit Migrationshintergrund auf der Gymnasialstufe

Wenn von schulischer Integration die Rede ist, denkt in der Regel niemand an die Gymnasialstufe. Das Gymnasium Unterstrass («unterstrass.edu») in Zürich – eine traditionsreiche Institution, die seit dem Jahr 1869 Werteorientierung und Innovation unter einen Hut bringt – wollte sich nicht mit der Tatsache abfinden, dass Jugendliche mit Migrationshintergrund viel zu selten die Hochschulreife schaffen. Vor einigen Jahren wurde deshalb das Projekt ChagAll (Chancengerechtigkeit durch Arbeit an der Lernlaufbahn) ins Leben gerufen. Begabte Schülerinnen und Schüler mit Migrationshintergrund können von Lehrpersonen der Sekundarstufe I gemeldet werden. Bei entsprechendem Potential und guter Eigenmotivation werden sie in ein Vorbereitungsprogramm aufgenommen. Die Schulzeit verbringen sie in regulären Gymnasialklassen und werden bedarfsorientiert durch einen Coach begleitet.

Ich konnte kürzlich persönlich Einblick nehmen und bin von diesem Projekt überzeugt und begeistert. Obwohl es durch namhafte Stiftungen wie Jacobs Foundation oder Stiftung Mercator Schweiz unterstützt wird, ist die gemeinnützige Schule unterstrass.edu darauf angewiesen, dass das Projekt durch Spenden aufrecht erhalten werden kann. Zuwendungen auf das Postkonto 80-2440-7 sind gut investiert.