Posts tagged ‘Inklusion’

Was gemeinsames Lernen fördert – und verhindert

Am 7. März 2018 organisierte Pro Infirmis Zürich eine Podiumsveranstaltung zum Thema «Schule für alle – ein Wagnis?». Das Podium unter der Leitung von Cornelia Kazis war spannend und breit zusammengesetzt (siehe Flyer).

In diesem Rahmen durfte ich ein 20-minütiges Input-Referat beisteuern. Ich gestaltete es entlang der folgenden fünf Thesen:

(1) Gelingende Integration hängt nicht in erster Linie vom betreffenden Kind ab
(2) Homogenitäts-Sehnsucht ist Gift für die schulische Integration
(3) Man weiss nur dann, ob etwas funktioniert, wenn man es auszuprobieren wagt
(4) Integration bedeutet «mit Anderen geteilte Lebenswelt»
(5) Nicht immer ist die maximale Förderung die optimale Förderung

Ich habe meine (meist bildhaft gestalteten) Folien mit Kommentaren versehen, damit man meine wichtigsten Aussagen nachvollziehen kann. Die Folien sind als pdf-Datei hier herunterladbar.

Geniales Erklärvideo zu den SSG-Spickzetteln

Im letzten Blog-Eintrag wurde das praktische Hilfmittel SSG-Spickzettel vorgestellt. Nun hat das Schulamt der Stadt Zürich nochmals nachgelegt: Es hat ein genial gemachtes Erklärvideo entwickelt und zur freien Verfügung gestellt. Das Video zeigt in nicht einmal fünf Minuten anschaulich auf, wie vielfältig die SSG-Spickzettel eingesetzt werden können.

Das Erklärvideo kann direkt auf der Website des Schulamts oder auf YouTube angeschaut werden. Wer die Filmdatei herunterladen möchte, kann das hier tun (mp4, 42MB).

Die mündlichen Erklärungen sind in Deutschschweizer Dialekt gehalten. Deutsche Untertitel können in der YouTube-Ansicht hinzugeschaltet werden (einfach rechts unten im Videobild das «CC»-Symbol anklicken).

Nachhallende Schulzimmer stressen … nicht nur hörbehinderte Lernende

Bei Unterrichtsbesuchen treffe ich immer wieder Schulzimmer an, die einen starken Nachhall haben. Nur schon das blosse Dabeisein löst nach einiger Zeit Stress aus. Das Zuhören ist mit einem erhöhten Aufwand verbunden. Normale Arbeitsgeräusche und Lerngespräche werden als belastender Lärm empfunden.

Schuld daran sind meist nicht zu stimmgewaltige Lehrpersonen oder zu laute Lernende, sondern akustisch katastrophale Schulzimmer. Wenn nun ein hörbehindertes Kind in einer solchen Umgebung gewinnbringend lernen soll, ist es mehr oder weniger aufgeschmissen. Das darf nicht sein. Es hat – unter anderem aufgrund des Behindertengleichstellungsgesetzes – Anrecht auf akustisch günstige Schulräume mit schalldämmendenden Massnahmen.

Der Schweizerische Verband für Gehörlosen- und Hörgeschädigtenorganisationen SONOS hat eine sehr hilfreiche Broschüre herausgegeben, die aufzeigt, was konkret vorgekehrt werden kann, um Lernräume für hörgeschädigte Schülerinnen und Schüler barrierefrei zu gestalten.

Ich denke, dass man einen Schritt weiter gehen sollte. Meines Erachtens müssen zumindest einzelne dieser schalldämmenden Massnahmen in sämtlichen Schulzimmern zum Tragen kommen. Sowohl Lernende als auch Lehrende werden stressärmer arbeiten und kommunizieren können, sich dadurch lieber in diesem Raum aufhalten und, so ist zu vermuten, bessere Lernresultate zeigen.

Die Broschüre ist hier herunterladbar (pdf-Datei, 7MB).

Moderationsvariante für das «Schulische Standortgespräch»

ssg_maur_ausgefuelltDas Verfahren «Schulische Standortgespräche» (SSG) hat sich weit über den Kanton Zürich hinaus verbreitet. Es ist ein offenes Geheimnis, dass die Bandbreite der Anwendung immens ist: Einzelne Lehrpersonen gehen virtuos und im positiven Sinne kreativ mit diesem Verfahren um. Andere vermeiden die vorgesehene Gesprächsstruktur und nehmen «Abkürzungen», indem sie Gesprächsphasen überhüpfen und lediglich das Kurzprotokoll ausfüllen.

Manchmal gibt es auch gute Gründe, weshalb das SSG in der angedachten Form nicht so richtig passt. Insbesondere ist das Verfahren bei sehr grossen Runden eine enorme Herausforderung … bei Schülerinnen und Schülern mit komplexem Störungsbild können das auch einmal zehn Personen oder mehr sein. Kein Wunder, dass das Verfahren SSG hier an seine Grenzen stösst: Es wurde ursprünglich für übersichtliche Runden von vielleicht maximal sechs Personen konzipiert.

Vor einiger Zeit hat mich die Schule Maur ZH angefragt, ob ich zusammen mit ihnen eine Moderationsform überlegen könnte, die auch bei grossen Runden funktioniert, zielorientiert und irgendwie auch lustvoll ist. Gemeinsam haben wir eine Form entwickelt, die einen einfachen und klaren Ablauf hat, verschiedene Moderationsvarianten zulässt (bis hin zu dynamischen Flip-Chart-Lösungen), alle Phasen des SSG abdeckt und letztlich im wohlbekannten SSG-Kurzprotokoll mündet.

Diese SSG-Variante ist nicht nur für grosse SSG-Runden geeignet, sondern kann auch bei ganz «normalen» Schulischen Standortgesprächen verwendet werden und damit eine willkommene Abwechslung sein.

In einem zip-Ordner sind alle notwendigen Dateien enthalten: eine Kurzanleitung, Protokollblätter sowie ein ausgefülltes Beispiel.

Schulische Integration im Kanton Graubünden: SHP sehen mehrheitlich positive Effekte

LEGR_grafiken_2Der Verband Lehrpersonen Graubünden (LEGR) hat 2015 die Schulischen Heilpädagog/innen (SHP)* im Kanton zur Thematik der schulischen Intergration befragt. Zwei Drittel (180 SHP) haben geantwortet und ist somit repräsentativ.

Die Resultate sind ingesamt erfreulich (siehe Bild mit den beiden «Kuchengrafiken» … ein Klick auf das Bild macht es grösser): 80% sagen aus, dass sich die schulische Integration positiv oder eher positiv auf die Schüler/innen mit besonderem Förderbedarf auswirkt. Rund zwei Drittel geben an, dass durch diese Schulungsform auch der Lernerfolg der gesamten Klasse positiv oder eher positiv beeinflusst würde. (Bei dieser Antwort haben 23% der Befragten «weiss nicht» angeklickt. Blendet man diese aus, sind über 80% der Antworten im positiven Bereich.) Bei beiden Fragen fällt auf, dass in keinem Fall ein vollumfänglich negativer Effekt zurückgemeldet wurde.

Weiter haben die Befragten ausgesagt, dass
– ein differenzierter Unterricht allen Schüler/innen zugute käme,
– die soziale Kompetenzen innerhalb der ganzen Klasse gestärkt würden
– und dass die Zusammenarbeit im Tandem Klassenlehrperson/SHP bereichernd sei (90% der SHP empfinden die Zusammenarbeit mit den Klassenlehrpersonen als zielführend; in einer früheren Umfrage haben zu dieser Frage 83% der Klassenlehrpersonen eine positive Einschätzung abgegeben).

Als herausfordernd und schwierig erachten die Befragten SHP die Integration von stark verhaltensauffälligen Schüler/innen sowie die Situation von Klassen, in denen sehr viele Kinder mit besonderem Förderbedarf versammelt sind. Beides könne die positiven Integrationseffekt zum Kippen bringen.

Mehrfach erwähnt wurde darüber hinaus, dass eine gute und vertrauensvolle Zusammenarbeit der Lehrpersonen untereinander eine unverzichtbare Grundlage für eine erfolgreiche schulische Integration sei. Und: Integration sei ganz klar eine Schulführungsaufgabe – ohne kompetente Schulleitungen sei eine nachhaltige integrative Schule nicht denkbar.

Link zur Mitteilung des Verbands Lehrpersonen Graubünden (LEGR)
Alle Informationen zur Umfrage (alle Antworten im Detail sowie Präsentationsfolien in einer zip-Datei)

*Für Leser/innen aus Deuschland: Schulische Heilpädagog/innen (SHP) sind Lehrpersonen mit zusätzlichem (in der Regel Master-) Abschluss im sonderpädagogischen Bereich.

Kontradiktorische Gesprächssendung zu schulischer Integration

2015_09_forum_srfAuf Radio SRF 1 wurde am 25.09.2015 eine Diskussionssendung zum Thema schulische Integration ausgestrahlt. Der Moderator Christian von Burg sprach mit den folgenden Gästen im Studio:
– Petra Lüthi, Mutter eines Kindes mit Trisomie 21
– Roland Stark, ehemaliger Kleinklassenlehrer
– Peter Lienhard, Interkantonale Hochschule für Heilpädagogik
In die knapp einstündige Live-Sendung wurden sowohl Aussagen aus einem Online-Forum als auch Telefonanrufe von Zuhörenden zugeschaltet.

Der Gesprächsverlauf zeigt die Grenzen solcher Sendungen auf: Man wird eingeladen, weil man zu einer bestimmten Überzeugung neigt (im vorliegenden Fall kam mir die Rolle des Integrations-Befürworters zu). Die Rollenzuschreibungen sowie die Tatsache, dass die enorm komplexe Thematik für eine breite Zuhörerschaft nur bedingt in der notwendigen Klarheit und Differenziertheit dargestellt werden kann, hinterlässt ein etwas schales Gefühl. Ich habe jedoch die Gesprächsführung und die Gesprächskultur am Studiotisch durchaus als positiv erlebt.

Das Gespräch wurde in Deutschschweizer Dialekt geführt. Die Sendung ist wie folgt zugänglich:
Link zu srf 1 (Informationen, online-hören, Download als Podcast)
– direkter Download als mp3-Datei (53 MB)

Grundschulen auf Rügen arbeiten präventiv und integrativ

ruegen_blog_1Die Insel Rügen liegt im äußersten Nordosten Deutschlands. Das muss nicht bedeuten, dass sich die dortigen Grundschulen entwicklungsmäßig hinter dem Mond befinden: Im Rahmen einer Studienreise der Interkantonalen Hochschule für Heilpädagogik (HfH) Zürich Ende April 2015 konnten wir uns davon überzeugen, dass dem nicht so ist.

Zu Beginn des Schuljahres 2010/11 wurde in allen Rügener Grundschulen mit Unterstützung der Uni Rostock ein umfassender Entwicklungsprozess gestartet. Er läuft unter den Bezeichnungen «Rügener Inklusionsmodel» (RIM) und «Präventive und Integrative Schule auf Rügen» (PISaR). Mir persönlich gefällt die etwas weniger vollmundige zweite Bezeichnung besser.

Das Rügener Modell hat zum Ziel,
– durch präventive Maßnahmen auf verschiedenen Ebenen
– sowie eine evidenzbasierte Praxis und Diagnostik
– und eine systematische Lernfortschrittsdokumentation
den Lernerfolg möglichst aller Schülerinnen und Schüler zu sichern. Das bedeutet unter anderem, dass man sich evidenzbasiert auf bestimmte Lehrmittel geeinigt hat und einheitliche Instrumente zur Lernstanderfassung einführte.

Wie schafft man einen solchen Veränderungsprozess im Umfeld Schule, in welchem die Lehr(mittel)freiheit ausgesprochen stark gewichtet wird? Continue reading ‘Grundschulen auf Rügen arbeiten präventiv und integrativ’ »

«Rezeptbuch schulische Integration» ist in zweiter, aktualisierter Auflage erschienen

rezeptbuch_zweite_auflageIm Jahr 2011 erschien das «Rezeptbuch schulische Integration», das ich gemeinsam mit Klaus Joller-Graf und Belinda Mettauer Szaday verfasst habe. Das Interesse an diesem Buch war erfreulich: Es wurde viermal nachgedruckt.

Obwohl vier Jahre keine Ewigkeit sind, hatten wir das Bedürfnis, verschiedene Inhalte zu aktualisieren … nur einige wenige, wie wir zunächst dachten. Nach und nach entschieden wir uns jedoch, etliche Passagen zu überarbeiten:
⇒ Aktuelle Forschungsergebnisse zur Wirkung der Integration wurden eingearbeitet.
⇒ Die didaktische Prinzipien für einen guten Integrativen Unterricht wurden neu strukturiert und konkretisiert.
⇒ Das Kapitel «Förderdiagnostik und Förderplanung» wurde deutlich überarbeitet und mit einem Abschnitt zum Thema «Nachteilsausgleich» ergänzt.
⇒ Das Kapitel «So kann schulische Integration gelingen» wurde in den Bereichen «Aufgabenteilung zwischen Lehrpersonen und Fachpersonen für Schulische Heilpädagogik» sowie «Führungs- und Steuerungsaufgaben von Schulleitungen im Bereich Sonderpädagogik» angereichert.
⇒ Die Hinweise zu empfehlenswerten Büchern, Materialien und Medien wurden aktualisiert.

Das Inhaltsverzeichnis und die Vorworte zu den Auflagen 1 und 2 können hier heruntergeladen werden: pdf-Datei, 5.2 MB

Das Buch kann hier bestellt werden: direkt beim Haupt-Verlag, bei ex libris, bei buch.ch, bei amazon.de

Referat «Nachteilsausgleich» (Screencast, 44 Min.)

bild_nta_video_blogLehrpersonen und Schulleitungen werden immer häufiger mit dem Thema «Nachteilsausgleich» konfrontiert. Teilweise herrscht dabei eine grosse Verunsicherung: Welche Schülerinnen und Schüler haben Anrecht auf einen Nachteilsausgleich? Und falls sie das haben: Wie werden Nachteilsausgleichsmassnahmen im schulischen Alltag konkret umgesetzt? Und wie stellen wir sicher, dass diese Massnahmen für alle Beteiligten fair sind?

In diesem 44-minütigen Referat erwartet Sie das Folgende:
⇒ Sie lernen die wichtigsten gesetzlichen Grundlagen des Nachteilsausgleichs kennen (bezogen auf die Schweiz).
⇒ Anschliessend stelle ich Ihnen zentrale Merkmale und Prinzipen vor.
⇒ Anhand von kurz umrissenen Fallbeispielen werden Massnahmen des Nachteilsausgleichs von anderen (sonder)pädagogischen Massnahmen abgegrenzt.
⇒ Und schliesslich erhalten Sie Hinweise zu hilfreichen Unterlagen, die Ihnen helfen, Nachteilsausgleichsmassnahmen im schulischen Alltag klar und gerecht umzusetzen.

Hier kommen Sie direkt zum Referat auf YouTube.
Die Folien zum Referat sowie weitere hilfreiche Unterlagen können Sie über diesen Link (zip-Ordner, 5.6 MB) herunterladen.

Überarbeitete Version des «Standardisierten Abklärungsverahrens» (SAV) liegt vor

sav_2014Als die erste Version des «Standardisierten Abklärungsverfahrens» (SAV) im Frühling 2011 veröffentlicht wurde, konnte man bereits auf eine gewisse Praxiserfahrung bauen. Denn schliesslich wurde das Verfahren nicht von Judith Hollenweger (PHZH), Peter Lienhard (HfH) und Patrick Bonvin (HEP-VD) allein entwickelt, sondern gemeinsam mit Dutzenden von diagnostisch tätigen Fachpersonen. Der wirklich grosse Praxistest hat aber in den letzten zwei Jahren stattgefunden, als abklärende Dienste in verschiedenen Regionen der Schweiz begonnen haben, das SAV verbindlich einzusetzen.

Im Auftrag der Schweizerischen Konferenz der Erziehungsdirektoren (EDK) hat das Schweizer Zentrum für Heil- und Sonderpädagogik (SZH) die gemachten Erfahrungen mit dem SAV systematisch erhoben. Eine gut sortierte Begleitgruppe hat diesen Prozess begleitet. Die drei Entwickeler/innen des SAV wurden in die Überarbeitung mit einbezogen.

Nun liegt die überarbeitete Form des SAV vor. Beibehalten wurden sowohl die Strukturierung in «Basisabklärung» und «Bedarfsabklärung» als auch die einzelnen Unterelemente. Verbesserungen wurden im Detail vollzogen, um mehr Klarheit und Verständlichkeit zu erlangen. Welche Anpassungen konkret gemacht wurden, ist hier beschrieben.

Besonders wichtig scheint mir die folgende Änderung zu sein: Weil das SAV einen starken Fokus auf Entwicklungs- und Bildungsziele legt, die für den betreffenden Menschen relevant erscheinen, kommt dem Element «Einschätzung der Entwicklungs- und Bildungsziele anhand von ICF-Lebensbereichen» eine zentrale Bedeutung zu. In der ersten SAV-Variante erwies sich die Gestaltung dieses Elements als zu kompliziert und kaum praxistauglich. Es wurde nun deutlich vereinfacht und erlaubt neu auch die Setzung von Schwerpunktbereichen für die zuküntige Förderung.

Das überarbeitete Handbuch ist hier herunterladbar: (pdf (0.5 MB).
Das Instrument (SAV-Formular) im Überblick (pdf (0.1 MB).
Das Wichtigste in Kürze: Was ist an der überarbeiteten Version 2014 neu? (pdf (0.2 MB).
Weitere Informationen zum Standardisierten Abklärungsverfahren gibt es hier.

Hilfreicher Orientierungsrahmen für Massnahmen des Nachteilsausgleichs

graphik_nachteilsausgleichSchulen und andere Ausbildungsinstitutionen werden immer häufiger mit dem Thema «Nachteilsausgleich» konfrontiert. Massnahmen des Nachteilsausgleichs sollen Menschen mit einer Funktionseinschränkung – aber gutem Potenzial, um die Ausbildungsziele erreichen zu können – einen erfolgreichen Abschluss ermöglichen. Das wollen sowohl die Schweizerische Bundesverfassung als auch das Behindertengleichstellungsgesetz – und das ist gut so.

Massnahmen des Nachteilsausgleichs sind aber delikat: Es handelt sich um «Ungleichbehandlungen» mit dem Ziel, «Gleichbehandlung» zu erreichen. Bei einem Stotterer, der eine mündliche Prüfung zu bestehen hat, aber in der vorgesehenen Zeit zu wenig zeigen kann, was er wirklich weiss, leuchtet wohl allen ein, dass er eine Massnahme des Nachteilsausgleichs zugute hat – nämlich mehr Zeit für das Ablegen der mündlichen Prüfung. In anderen Fällen ist die Sache nicht so klar. Und immer dann, wenn fraglich ist, ob jemand durch eine Nachteilsausgleichsmassnahme bevorzugt wird (oder ob bei dieser Person Abstriche bei der geforderten Leistung gemacht werden), stellen sich Fragen der Gerechtigkeit und der Gleichbehandlung.

Der vorliegende «Orientierungsrahmen Nachteilsausgleich» soll helfen, Massnahmen des Nachteilsausgleichs von anderen Massnahmen (z.B. sonderpädagogischer Unterstützung, Notenverzicht, Dispensationen, individuellen Lernzielen) unterscheiden zu können. Zudem werden wichtige Leitplanken und Schlüsselfragen für eine transparente und faire Vereinbarung von Nachteilsausgleichsmassnahmen aufgezeigt.

Der Orientierungsrahmen orientiert sich an der «Wegleitung Nachteilsausgleich» (Henrich et al., 2012). Diese Publikation ist im oben angegebenen Link ebenfalls zum Download bereitgestellt.

Artikel in der Zeitschrift Gymnasium Helveticum 5/2014 «Nachteilsausgleich – oder die Herausforderung, Gerechtigkeit durch Ungleichbehandlung herzustellen» (pdf, 8.8 MB)

Video-Referat «Schritte auf dem Weg hin zur Inklusion – visionär denken, pragmatisch handeln»

2013_lienhard_luxembourgAm 15. März 2013 habe ich an der Tagung «Interdisziplinarität, Integration – Inklusion» in Luxembourg ein Referat gehalten mit dem Titel «Schritte auf dem Weg hin zur Inklusion – visionär denken, pragmatisch handeln» (Peter Lienhard-Tuggener, HfH Zürich). Darin formuliere ich Gelingensbedingungen für eine möglichst inklusive Schule auf drei Ebenen: Schulsystem, Schulhaus und Unterricht.

Dieser halbstündige Vortrag entspricht in weiten Teilen dem später gehaltenen (und leicht erweiterten) Referat «Konkrete Schritte auf dem Weg zu einer ‚Schule für alle‘ – auf vier Ebenen». Hier geht es zum entsprechenden Blog-Eintrag vom September 2013.

Ende November 2013 hat das Bildungsministerium des Staates Luxembourg die Videos sämtlicher Referate der Tagung «Interdisziplinarität, Integration – Inklusion» online gestellt – unter anderem auch Vorträge von Monika A. Vernooij, Sieglind Luise Ellger-Rüttgardt, Karl-Ernst Ackermann und Bernd Ahrbeck.

Direkter Link zum Referat auf Youtube
Handout zum Referat «Schritte auf dem Weg hin zur Inklusion – visionär denken, pragmatisch handeln»
Programm der Tagung (Tagungsleitung: Christian Wolzfeld, M.A., Ediff Luxembourg)

Modelle professioneller Zusammenarbeit im Unterricht

zahraeder_mit_modellenNoch vor wenigen Jahrezehnten wurden Lehrpersonen als Einzelkämpfer/innen ausgebildet. Das hat sich grundlegend geändert: Die heutige Schule ist ohne Zusammenarbeit nicht mehr vorstellbar. Die Frage ist nicht mehr das «Ob», sondern vielmehr das «Wie».

Weil immer wieder Schulteams auf mich zu kamen mit dem Anliegen, die Zusammenarbeit zwischen Regellehrpersonen und sonderpädagogischen Fachpersonen (namentlich Schulischen Heilpädagog/innen) zu reflektieren und zu optimieren, habe ich auf plakative (und auch leicht humorvolle) Art und Weise verschiedene Modelle der Zusammenarbeit skizziert

Die entsprechenden Beschreibungen sind hier herunterladbar. Enthalten ist auch ein Vorschlag, wie man im Schulteam mit diesen Modellen arbeiten kann, um die eigenen Formen der Zusammenarbeit zu reflektieren und weiterzuentwickeln.

Förderplanung auf der Basis der ICF – so kann sie gelingen

vds_sfh_smallZum 14. November 2013 wurde ich für ein Eingangsreferat nach Rostock eingeladen: Der deutsche Verband Sonderpädagogik e.V. (vds) hielt dort seine 46. Hauptversammlung ab. Erwartet wurde von mir das Aufzeigen eines Förderplanungszyklus, der sowohl in Förder- als auch in inklusiven Allgemeinen Schulen machbar ist.

Förderplanungsinstrumente bestehen ja zuhauf … das ist nicht dar Problem. Die große Herausforderung besteht darin, die Aufgabe der Förderplanung mit einem vertretbaren Aufwand leisten zu können – ohne aus fachlicher Sicht in einen Minimalismus abzugleiten. Einfache Rezepte dafür gibt es nicht; es bleibt wohl immer das Ringen nach einer möglichst optimalen Lösung.

Mein Referat ist in der aktuellen Nummer der Zeischrift für Heilpädagogik (4/2014, 128-136) nachzulesen. Eine Probeseite (die erste Seite des Artikels) ist hier herunterladbar. Die Zeitschrift für Heilpädagogik kann man hier erwerben – als Einzelnummer oder im Abonnement.

Die Unterlagen, die ich den Zuhörenden des Referats vom 14.11.2013 zur Verfügung stellte (Folien und weitere Materialien), sind hier herunterladbar.

Inklusion zwischen Diskriminierungsverbot und «das geht nicht»

geteilte_lebensweltDer «Fall Henri» wird derzeit weit über Deutschland hinaus intensiv diskutiert. Dieser Junge mit Down-Syndrom hat die Primarschule integrativ besucht. Eine vergleichbare Weiterführung scheint nun nicht mehr möglich zu sein: Sowohl die Realschule als auch das Gymnasium vor Ort haben die Aufnahme von Henri abgelehnt (Beitrag NZZ online vom 20.05.2014, Beitrag SPIEGEL online vom 16.05.2014, sehr kritischer Artikel auf F.A.Z. online vom 20.05.2014).

Die Diskussion dieser Situation verläuft hoch kontrovers. Es tut sich ein Spannungsfeld auf zwischen «Inklusion ist gesetzt, das Diskriminierungsverbot gilt» und «das geht nicht, das macht doch keinen Sinn mehr». Geht man von einem regulären, herkömmlichen Unterricht in Real-, Sekundar- und Gymnasialklassen aus, ist die Frage nach der Sinnhaftigkeit tatsächlich zu stellen: Auch bei noch so geschickter Differenzierung wird es schwer fallen, Henri beispielsweise an einer Diskussion über den Ukraine-Konflikt oder an einer Mathematik-Lektion zum Thema Integralrechnung echt teilhaben zu lassen. Wer die Inklusionsfrage durch eine Schwarz-weiß-Brille betrachtet («Inklusion ist nur bei ständigem, 100-prozentigem gemeinsamem Lernen umgesetzt») wird sowohl die Schule als auch die betroffenen Schüler/innen in unlösbare Situationen rasseln lassen.

Wir brauchen eine Entkrampfung, um den Kopf frei zu bekommen für pragmatische, für alle Beteiligten lebbare Lösungen. Continue reading ‘Inklusion zwischen Diskriminierungsverbot und «das geht nicht»’ »

Sympathische Plakat-Aktion zum internationalen Down-Syndrom-Tag

bilder_down_blogPlakat-Aktionen, die Kinder, Jugendliche oder Erwachsene mit einer Behinderung zum Thema machen, sind immer eine Gratwanderung: Wie schafft man es, diese Menschen nicht vorzuführen, zu entwerten oder zu überhöhen?

Der Fotograf Philipp Koch hat diese Herausforderung im Auftrag von insieme21 angenommen … und meines Erachtens gut gelöst. Er bat 21 Kinder und Jugendiche mit Down-Syndrom (oder eben Trisomie 21) in sein Studio, um sie in einer Lieblingsrolle oder in einer von ihnen gerne eingenommenen Pose zu fotografieren. Ein kurzes Making-of-Video zeigt, wie die Fotos entstanden sind.

Einen Tag nach dem 21. März 2014, dem internationalen Down-Syndrom-Tag, fanden in sechs verschiedenen Bahnhöfen in der Deutschschweiz Vernissagen der Plakatausstellung statt. Ich war im Hauptbahnhof Zürich dabei. Das Zusammenkommen so vieler Mädchen und Jungen mit Down-Syndrom verlief in einer eindrücklichen Stimmung mit ganz viel Lebensfreude.

Diese positive Lebenseinstellung ist auch – zugegebenermassen hart an der Grenze der Über-Emotionalität – Thema eines Videoclips, in dem sich junge Menschen mit Down-Syndrom an künftige Eltern eines Kindes mit Trisomie 21 richten.

Konkrete Schritte auf dem Weg zu einer «Schule für alle» – auf vier Ebenen

liestal_breit_2zu1Was gibt es auf dem Weg hin zu einer «Schule für alle» zu bedenken und zu beachten? Ich habe versucht, relevante Punkte auf vier Ebenen zu formulieren:

Ebene «Forschung, Recht und Ethik»: Welche Vorgaben sind gesetzt? Welche Integrationseffekte sind forschungsmässig gut belegt, welche nicht? Was gehört zu einer echten Teilhabe, die über eine rein räumliche Integration hinausgeht?

Ebene «Schulsystem»: Welche strategischen Leitplanken sollten von Bildungspolitik und Bildungsverwaltung gesetzt werden? Wie offen oder eng sollen die Vorgaben bezüglich der Umsetzung der schulischen Integration sein … beispielsweise: Hat alles jederzeit gemeinsam in der Klasse zu erfolgen? Soll ein Teil der Sonderschulressourcen in die Regelschule umgelagert werden?

Ebene «Schulhaus»: Wie kann sich eine Schule organisieren, damit sowohl die Ressourcen sinnvoll und fair eingesetzt werden? Wie wird ein giesskannenartiges Versickern von wertvollen Förderstunden vermieden? Ist es sinnvoll oder gar notwendig, in einer «Schule für alle» einzelne Schüler/innen mit besonderem Förderbedarf zu «labeln»?

Ebene «Unterricht»: Kann eine «Schule für alle» ohne Unterrichtsentwicklung realisiert werden? Wie können wir es schaffen, einen differenzierten Unterricht zu entwickeln, ohne uns dabei zu überfordern?

Beim letzten Punkt habe ich – wie bereits mehrmals – das so genannte «Churer-Modell» vorgestellt, das mich in seiner Klarheit und Praktikabilität sehr überzeugt (Kurzbeschreibung des «Churer-Modells»: pdf-Datei, 2.2 MB … und hier geht es zur Homepage des Churer-Modells).

Das Handout meines Referats (pdf-Datei, 1.5 MB) dürfte zwar nicht alle Aspekte meiner mündlichen Ausführungen übermitteln, enthält aber die wichtigsten Kernaussagen sowie einen Link zu den Referatsfolien.

Geht die Begabtenförderung in der integrativen Schule auf oder unter?

stufen_begabtenfoerderungIn der Debatte um die schulische Integration resp. Inklusion droht die Frage der Förderung von Schülerinnen und Schülern mit besonderer Begabung unterzugehen. Das ist nicht gut.

In einem Beitrag, der in der neuesten Publikation der LISSA-Stiftung «Begabungsförderung integriert» abgedruckt ist, sind unter anderem verschiedene Stadien beschrieben, in denen sich Schulen bezüglich Begabungs- und Begabtenförderung befinden können (ein Klick auf die Abbildung links macht sie grösser):

Negation: Wenn sich der Unterricht an einer fiktiven «durchschnittlichen Leistungsfähigkeit» orientiert, werden besonders begabte Schülerinnen und Schüler weder erkannt noch sind sie erwünscht, weil sie den Homogenitätsanspruch («alle tun zur gleichen Zeit dasselbe auf dem gleichen Niveau») stören.
Delegation: Die pädagogische Herausforderung, auch besonders begabten Kindern und Jugendlichen gerecht zu werden, wird an ein spezielles Pull-Out-Programm delegiert. Der eigene Unterricht bleibt von einer entsprechenden Veränderung verschont.
Infiltration: Einzelne Fachpersonen für Begabtenförderung, die in solchen Pull-Out-Programmen tätig sind, infiltrieren auf geschickte Weise Förderideen (sei es durch Projekte oder Team-Teaching) in die Klassen und letztlich in die Unterrichtspraxis der Lehrpersonen im Schulhaus.
Kooperation: Die Fachperson für Begabtenförderung arbeitet (konzeptuell vorgesehen und entsprechend verbindlich) in vielfältiger Weise mit Regellehrpersonen zusammen, was die Breitenwirkung der Begabungs- und Begabtenförderung innerhalb des Schulhauses erhöht.
Evolution: Die Schule hat sich dafür entschieden, die klassenbezogenen Unterrichts- und Förderstrukturen so zu verändern, dass sie sowohl lernschwachen als auch besonders begabten Schülerinnen und Schülern besser entgegen kommen.

⇒ Der Fachartikel ist hier herunterladbar: pdf-Datei, 1.9 MB
⇒ Die Broschüre mit diesem Beitrag und verschiedenen Beschreibungen von preisgekrönten Schulmodellen ist im Buchhandel unter der ISBN-Nummer ISBN 978-3-033-03894-3 für CHF 20.00 erhältlich. Personen, welche im Schulbereich tätig sind, können hier ein kostenloses Exemplar bestellen.
⇒ Interessanter Artikel zur Thematik aus der Wochenzeitung DIE ZEIT vom 21. März 2013: pdf-Datei, 1.3 MB

Ist ein Nachteilsausgleich im Bildungsbereich notwendig oder unfair?

Dieses Bild passt nur bedingt zur Thematik. Ich habe es trotzdem gewählt, weil es die folgende Tatsache symbolisieren soll: Kinder und Jugendliche können oftmals trotz Beeinträchtigungen erstaunliche Leistungen erbringen, wenn sie die entsprechenden Bedingungen dafür vorfinden. Damit sind beispielsweise Hilfsmittel, Reglementierungen und Haltungen gemeint. Vor allem dann, wenn es um Prüfungssituationen geht, stellt sich die Frage, inwieweit behinderungsbedingte Ausgleichsmassnahmen zum Einsatz kommen sollen – oder ob diese gerade nicht gewährt werden sollen, um den Betroffenen keinen unangemessenen Vorteil zu verschaffen.

Es geht also um Fragen wie diese: Wie soll eine Schülerin mit schwerer Lese-Rechtschreib-Schwäche im Fach Deutsch beurteilt werden? Darf ein Stotterer an einer mündlichen Prüfung mehr Zeit erhalten?

Ein interdisziplinäres Team (Glockengiesser, Henrich, Lienhard, Scheuner und Schriber) hat sich dieser Thematik angenommen. Es zeigt in einem praxisorientierten Artikel auf, weshalb Massnahmen des Nachteilsausgleichs wichtig sind, welche Prinzipien dabei zu berücksichtigen sind und wie verhindert werden kann, dass der Grundsatz der Fairness gegenüber den nicht beeinträchtigen Schüler/innen verletzt wird. Zusätzlich zum Artikel stellt die Autorenschaft drei beispielhafte individuelle Vereinbarungen zum Nachteilsausgleich zur Verfügung.

Wegleitung Nachteilsausgleich (pdf 0.4 MB)
Artikel aus der SZH-Zeitschrift 7-8/2012 (pdf 0.2 MB)
Drei Beispiele von Vereinbarungen zum Nachteilsausgleich (pdf 0.1 MB)

Schulische Inklusion im Film

Am 13. September 2012 kommt ein Film von Hella Wenders in die deutschen Kinos, der nur Kinder sprechen lässt: In der inklusiven Schule Berg Fidel in Münster gehen unter anderem ein hochbegabter, schwerhöriger Junge, ein Roma-Mädchen mit Ausschaffungsängsten und ein Knabe mit Down-Syndrom zur Schule.

Auf «ZEIT Online» ist ein kritische Beitrag zu diesem Film zu finden. Ziele, Konzepte und Praxis dieser Schule ausschliesslich durch Aussagen von Kindern zu präsentieren, wird als instrumentalisierend und unaufrichtig erachtet. Schattenseiten im schulischen Alltag würden ausgeblendet, was den durchaus interessanten Film nur bedingt glaubwürdig erscheinen liesse.

Anlass, sich diesen Film anzuschauen, um sich ein eigenes Bild zu machen.

Homepage des Films
Trailer zum Film
[Bild: W-Filmverleih]

Nicht alles problemlos, aber kaum jemand möchte es anders: Im Südtirol lebt die inklusive Schule

Dieser Bericht über die inklusive Schulung von Jugendlichen mit unterschiedlichen Behinderungen aus der ZEIT vom 31. Mai 2012 lohnt sich aus verschiedenen Gründen zu lesen oder anzuhören. Es geht um die inklusive Schule im deutschsprachigen italienischen Südtirol (in Italien wurden die Sonderschulen vor Jahren aufgelöst). Der Artikel ist weder dogmatisch geschrieben noch verschweigt er Schwierigkeiten … und zeigt doch gut nachvollziebar auf, dass gemeinsames Lernen von Kindern und Jugendlichen mit und ohne Beeinträchtigungen funktionieren kann.

Nicht immer ist die maximale Förderung (die man gemeinhin eher einer Sonderinstitution zutraut) für Schüler/innen mit Beeinträchtigungen die gesamthaft stimmigere Förderung. Im Rahmen der Regelschule können sie sich durch Mitmachen / Abschauen / Nacheifern etliche Kompetenzen aneignen, die in einer Förder- oder Sonderschule wegen der fehlenden Vorbilder nur schwer zu realisieren sind. Dass bei den nicht beeinträchtigten Klassenkameraden weder Leistung noch Sozialverhalten leiden, hat man nicht nur im Südtirol festgestellt. Diese Tatsache wurde im Rahmen zahlreicher Studen bestätigt. Interessant sind auch die folgenden Aspekte:

– Jede südtiroler Regelschule (und damit alle beteiligten Lehr- und weiteren Fachpersonen) muss jederzeit damit rechnen, dass eine Schülerin oder ein Schüler mit irgend einer Behinderung in der eigenen Schule unterrichtet werden muss. Entsprechend sind die sonderpädagogischen Fachpersonen eher breit ausgebildet. Sobald klar wird, dass beispielsweise ein Schüler mit geistiger Behinderung und autistischen Zügen in eine Klasse eintreten wird, werden umgehend gut ausgebaute Weiterbildungsangebote und ein Fachcoaching aktiviert.

– Trotz dieser «Spezialisierung on the job» ist die entsprechende Fachperson genauso wie die Klassenlehrperson für das pädagogische Wohl der ganzen Klasse zuständig, und nicht nur für die Betreuung eines Einzelnen.

– Für Schülerinnen und Schüler mit einer Behinderung stehen viele Lektionen für Sonderpädagog/innen resp. Integrationsbegleiter/innen zur Verfügung, bis zu 100% der Unterrichts- resp. Schulzeit. Genügend Ressourcen sind notwendig – und in einem Schulsystem ohne Sonder- und Förderschulen offenbar finanzierbar. Anders sieht es in Schulsystemen mit einem gut ausgebauten Sonderschulsystem aus. Hier besteht die Gefahr, dass die integrative Unterstützung lediglich in sehr begrenztem Umfang möglich ist … und damit für alle Beteiligten unbefriedigend verläuft.

Letztlich geht es nicht ohne Grundsatzentscheid: Wer eine tragfähige integrative Schule will, kommt nicht um die Umlagerung eines gewichtigen Teils der Sonderschulressoucen in die Regelschule herum.

Artikel mit Interview als pdf-Datei (pdf 0.9 MB)
Artikel online lesen (nur Artikel, ohne Interview)
Gesprochene Audiodatei (15 Min.) mit dem Artikel, ohne das Interview (mp3, 10.8 MB)
[Bilder: DIE ZEIT Nr. 23, 31. Mai 2012, S. 33 und 34]

Langzeitwirkungen der schulischen Integration

Eine bestmögliche soziale und berufliche Integration ist das erklärte Ziel sämtlicher pädagogischer und sonderpädagogischer Bemühungen. Eine wichtige Frage ist allerdings, in welchem Setting dieses Ziel eher erreicht werden kann.

Michael Eckhard und andere haben in einer aufwändigen Langzeitstudie Personen untersucht, die (mit vergleichbaren Merkmalen) entweder eine Regelklasse oder eine Sonder- resp. Kleinklasse besucht haben. Die gleichen Personen wurden zunächst als Schüler/in zu verschiedenen Zeitpunkten untersucht und später dann als junge Erwachsene befragt.

Die wichtigsten Erkenntnisse: Integriert beschulte (potenzielle Kleinklassen-)schülerinnen und -schüler haben im jungen Erwachsenenalter tendenziell
– einen höheren beruflichen resp. schulischen Abschluss erreicht,
– einen stabileren Berufsfindungsweg mit weniger Wechseln und Abbrüchen hinter sich,
– einen höheren Selbstwert und ein leicht höheres Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten,
– ein deutlich breiteres soziales Netzwerk sowie
– eine positivere, weniger ausgrenzende Einstellung Migrantinnen und Migranten gegenüber.

Das Studiendesign und die detaillierten Resultate sind in der folgenden Publikation nachzulesen: Eckhard, Michael; Haeberlin, Urs; Sahli Lozano, Caroline; Blanc, Philippe (2011). Langzeitwirkungen der schulischen Integration. Bern: Haupt

Bestellung beim Haupt-Verlag, bei buch.ch, bei ex libris, bei amazon.de

[Ein Klick aufs Bild macht das Buchcover und den Buchrückentext lesbar.]

Klassenassistenzen stärken die integrative Schule

In Sonderschulen sind sie seit Jahrzehnten ein fester Bestandteil: Klassenassistenzen, Schulhilfen, Pädagogische Mitarbeiter/innen, Zivildienstleistende. In Regelschulen taucht diese Personalkategorie immer häufiger auf – meist aufgrund bestimmter Drucksituationen. Entsprechend ist die konzeptuelle Verankerung oftmals dürftig. Teilweise herrscht auch berufspolitische Skepsis: Die Befürchtung wird laut, dass mit dem Einsatz von Schulassistenzen Fachpersonal weggespart wird.

Ein Blick in Schulen vieler Länder hat mir gezeigt, dass die integrative Schule durch Assistenzpersonen klar gestärkt und tragfähiger gemacht werden kann. Es braucht aber konzeptuelle Leitplanken (namentlich die Klärung der pädagogischen Gesamtverantwortung für eine Klasse oder auch für einzelne Kinder). Und: Je nach Zusammensetzung und pädagogischem Bedarf einer Klasse sollte entschieden werden, welche Kompetenzen neben der Klassenlehrperson nötig sind, um eine gute Förderung aller Schülerinnen und Schüler zu erreichen (Assistenz? zusätzliche Regellehrperson? verstärkter Einsatz der Fachperson in Schulischer Heilpädagogik?). Dabei müssen Schwerpunkte gesetzt werden, damit die Anzahl Bezugspersonen pro Klasse möglichst gering bleibt.

So weit wie organisatorisch möglich soll jede Berufsgruppe so tätig sein können, dass es für den gemeinsamen pädagogischen Auftrag in der betreffenden Klasse oder Schule Sinn macht (Assistenzpersonen darf keine alleinige Förderverantwortung übertragen werden; Fachpersonen in Schulischer Heilpädagogik sollen nicht als Hilfslehrpersonen eingesetzt werden). Nur so kann ein weiteres, wichtiges Ziel erreicht werden: Mit den begrenzten finanziellen Mitteln wird die grösstmögliche Wirkung erzielt.

⇒ Im Schulblatt des Kantons Zürich (2/2012) ist ein lesenswerter Beitrag zum Thema erschienen: Die Schule Rorbas-Freienstein berichtet über ihre Erfahrungen mit der Einführung von Schulassistenzen (pdf, 0.3 MB).

⇒ Die Neuen Zürcher Zeitung berichtet am 13. April 2012 über die Erfahrungen der Sekundarschule Petermoos in Buchs ZH mit Klassenassistenzen (pdf, 0.3 MB).

[Bild: Schulblatt des Kantons Zürich]

Förderdiagnostisches Praxismodell für die Sekundarstufe I

Roger Mäder und Jürg Senn arbeiten als Schulische Heilpädagogen an der Sekundarschule in Pratteln im Kanton Basel-Landschaft. Sie haben eine förderdiagnostische Konzeption erarbeitet, die bezüglich fachlicher Abstützung, Klarheit und Praxisfreundlichkeit ihresgleichen sucht.

Im Rahmen einer sorgfältig nachgeführten Internetseite stellen sie in verdankenswerter Weise alle Unterlagen gut dokumentiert frei zur Verfügung.

Auch wenn diese Konzeption für die Sekundarstufe I entwickelt wurde: Das Förderdiagnostische Praxismodell eignet sich durchaus auch für die Anwendung auf der Primarstufe.

Download der Präsentation (pptx, 9 MB) sowie des Handbuchs (pdf, 5 MB)

Unterrichtsentwicklung als Basis einer integrativen Schule: Chur macht’s vor

Es sind nicht immer die Zentrumsregionen, die im Bereich der Schulentwicklung eine Vorreiterrolle einnehmen. In Chur, der Hauptstadt des Gebirgskantons Graubünden, wird seit Jahren in professioneller und gleichzeitig pragmatischer Weise Schulentwicklung betrieben.

Ein Beispiel: Auf der Primarstufe wurde das «Churer Modell» entwickelt. Dieses hat zum Ziel, die Binnendifferenzierung im Unterricht auf vielfältige Weise umzusetzen. Dabei wurden unter anderem bewährte Elemente des Kindergartens für die Primarschule adaptiert. Der Unterricht besteht aus den Elementen
– Gemeinschaft (Rituale, im Kreis singen, sich austauschen, spielen),
– Kurs (Inputs im Kreis),
– Arbeit mit Lernangeboten (differenziert am Arbeitsplatz) sowie
– Freiarbeit (Arbeit an in individuellen Projekten, z.B. entlang der 7-Schritt-Methode).
Das Projekt wird sorgsam Schritt für Schritt auf immer mehr Klassen ausgeweitet. Es entwickelt sich sehr erfreulich.

In einem gut aufbereiteten, vierseitigen Papier wird der Weg zur Binnendifferenzierung in zehn Schritten vorgestellt (download pdf-Datei, 2.2 MB).
[Bildquelle: Stadtschulen Chur]

Moralische Einstellungen von Schülerinnen und Schülern zur schulischen Integration

Forscherinnen und Forscher der Pädagogischen Hochschule Zentralschweiz (PHZ) haben sich einer interessanten Frage angenommen. Ausgehend von der Tatsache, dass immer mehr Kinder und Jugendliche mit einer Behinderung integrativ in einer Regelschule unterrichtet werden, erforschten sie die Entwicklung sozialer und moralischer Kompetenzen bezüglich dieses Themenkreises. Befragt wurden 463 Kindern vom Kindergarten bis zur 6. Klasse. Die Forschungsresultate zeigen keine eindeutigen Effekte von Schülerinnen und Schüler von Klassen, in denen Einzel- oder Gruppenintegrationen realisiert wurden. Generell scheint bei allen Kindern ein gewisser Pragmatismus zu spielen – eine realitätsbezogene und wenig dogmatische Sichtweise.

Ein solcher Pragmatismus wäre auch auf Erwachsenenebene wünschbar: Die Kräfte sollten nicht auschliesslich im «Ob» verpuffen, sondern sich (in welchem Setting auch immer) auf das «Wie» konzentrieren … und damit auf die Lösung konkreter Problemstellungen, die in jeder herausfordernden Schulsituation auftreten.

In einem NZZ-Beitrag vom 12. März 2012 wird unter anderem diese Studie verwiesen.

Best practice und konkrete Entwicklungshinweise:
Publikation «Schulische Integration gelingt»

ImageDie Autorenliste dieses im Dezember 2011 erschienen Buches (Herausgeber: Andrea Lanfranchi und Joseph Steppacher) liest sich – leicht übertrieben ausgedrückt – wie ein «Who is who» der Schweizerischen Sonderpädagogik, ergänzt durch namhafte Autorinnen und Autoren aus den deutschsprachigen Nachbarländern. Auf über 300 Seiten werden einerseits Grundlagen, Forschungsresultate und Gelingensbedingungen für die integrative Schule dargelegt. Andererseits sind Ausführungen zur Integration bei spezifischen Behinderungen enthalten – verfasst von Fachpersonen, die nicht einfach «darüber schreiben», sondern ihre konkreten Erfahrungen aus der Praxis weitergeben. Ein «Must», dieses Buch, das preislich erstaunlich fair daherkommt: CHF 28.90, €(D) 19.90, €(A) 20.50.

Ein Flyer mit Bestellmöglichkeit ist hier herunterladbar.

Das Inhaltsverzeichnis (mit allen Beiträgen und allen Autorinnen und Autoren) ist hier herunterladbar.

Hilfreiches Themenheft ‚Lernende Schule‘: «Auf dem Weg zur inklusiven Schule»

Kennen Sie die Zeitschrift «Lernende Schule – Für die Praxis pädagogischer Schulentwicklung»? Das letzte Themenheft «Auf dem Weg zur inklusiven Schule» lohnt sich besonders anzuschauen. Es enthält klar und undogmatisch verfasste Beiträge, die nah an der Praxis und deren Fragen sind. Ein Beispiel: Der «Wanderführer zu inklusiven Schulentwicklung» zeigt in zwölf Schritten auf, wie eine Schule dem Ziel der Inklusion näher kommen kann. Jeder Schritt ist mit erwachsenendidaktischen, einfach umsetzbaren Hinweisen und Materialien illustriert. Ein Blick ins Inhaltsverzeichnis (pdf-Datei) macht hoffentlich Lust, sich mit diesem Themenheft näher zu befassen. Ein Auszug daraus:
GRUNDSÄTZLICHES UND STRITTIGES
– Inklusive Pädagogik: Eine Herausforderung für die Schulentwicklung
– Qualitätsmaßstäbe für inklusive Schulen
– Müssen Lehrkräfte ihr didaktisches Handeln verändern?
PRAXIS
– Auf dem Weg zu einer inklusiven Schule: Die IGS Hannover-Stücken, eine Schule für alle
– Kooperation im Unterricht konkret
– «Es gibt zu viele Schlupflöcher, der Inklusion zu entkommen»
WERKSTATT
– «Wanderführer» zur inklusiven Schulentwicklung
SCHULLEITUNGSBEILAGE
– Alle Schüler in den Blick nehmen und einen Rahmen für Inklusion schaffen: Materialien für einen Schulentwicklungsprozess

Man kann das Themenheft direkt beim Friedrich-Verlag als Einzelheft bestellen.

Auf dem Weg zur inklusiven Schule, Zs. Lernende Schule, Heft 55, 2011, 14. Jahrgang, Best.-Nr. 537055

Eine gute Schule für alle kann auch über die «Begabtenschiene» entwickelt werden

Zuweilen wird man als realitätsfremden «pädagogischen Romantiker» belächelt, wenn man die Überzeugung vertritt, dass eine Schule mit differenzierenden und individualisierenden Angeboten lernschwachen und besonders begabten Schülerinnen und Schülern gleichermassen entgegen kommt. Ein Artikel in der ZEIT vom 21. Juli 2011 (Hilfe für Schlaue) berichtet über Schulen, die einen pädagogischen Entwicklungsprozess durchgemacht haben, um den Bedürfnissen von Kindern mit besonderen Begabungen besser entgegenkommen zu können. Es sind Elemente, die auch bei guten integrativen Schulen mit dem Fokus «Unterstützung von Kindern mit sonderpädagogischem Förderbedarf» zu finden sind. Es wäre zu wünschen, dass diese Parallele breit erkannt wird – und dass es weder nötig noch sinnvoll ist, inklusive pädagogische Entwicklungen zugunsten der «Schwächeren» oder der «Stärkeren» gegeneinander auszuspielen.

Die Angst der Schweiz vor der Behindertenkonvention der UNO

Rund 150 Staaten haben bisher die Behindertenkonvention der UNO ratifiziert. Die Schweiz ist nicht unter ihnen – und sie tut sich ungeheuer schwer mit diesem Entscheid. In einem Tages-Anzeiger-Artikel vom 14. Mai 2011 ist unter anderem von der Angst der bürgerlichen Parteien die Rede, «(…) dass alle Kinder in der Regelschule integriert werden müssten.» Dass eine Unterzeichnung der Konvention keinen Zwang zur «totalen Inklusion» bedeutet, zeigt ein juristisches Gutachten der Universität Bern auf. Aber: Eine Ratifizierung der Konvention würde den Weg ebnen, die Regelschule klarer und deutlicher in Richtung einer tragfähigeren, integrativeren Schule zu entwickeln. Unsere Volksschule braucht diesen Schub, um die entsprechenden Ressourcen zu erhalten und ihre Strukturen anpassen zu können. Die Konvention würde den Kantonen den Rücken stärken, mutigere Schritte zu machen – Schritte, die derzeit vielerorts aufgrund parteipolitischer Ränkespiele nicht möglich sind.
Sicherlich: Die Behindertenkonvention der UNO betrifft weit mehr Bereiche als denjenigen der obligatorischen Bildung. Sie hat generell das wichtige Ziel vor Augen, die Partizipationsmöglichkeiten von Menschen mit einer Behinderung substantiell zu verbessern. Ein weiteres Abseitsstehen der Schweiz wäre einfach beschämend.

NACHTRAG vom 22. Mai 2011: Artikel in der ZEIT vom 19.05.2011, in welcher die integrative Schulung eines Jungen mit Down-Syndrom von seinem Vater – er arbeitet als Journalist bei der ZEIT – anschaulich beschrieben wird.