Posts tagged ‘Sonderpädagogik’

Schulische Integration managen: Aus den Erfahrungen Winterthurs lernen

Im Herbst 2013 schickte die Zentralschulpflege Winterthur ein Entwicklungsprojekt mit grossen und wichtigen Zielen auf den Weg. Der Hauptfokus ist dem Projekttitel zu entnehmen: «SIRMa» steht für «Stärkung der Integrationskraft der Regelschule durch Ressourcenmanagement». Die Schulen sollten unter anderem die Möglichkeit erhalten, finanzielle Ressourcen, die bisher für externe Sonderschulungen verwendet wurden, flexibel und bedarfsgerecht an der eigenen Schule einzusetzen. Die Winterthurer Regelschule würde integrativer und tragfähiger, Sonderschulungen würden zurückgehen.

Schon bald zeigte sich jedoch, dass diese zentralen Projektziele trotz hohem Engagement der Beteiligten nicht erreicht werden konnten: Der Anteil der Schülerinnen und Schülern mit Sonderschulstatus nahm nicht ab, sondern zu. Die erhoffte Umlagerung von finanziellen Ressourcen fand kaum statt.

Wie vorgesehen wurde SIRMa nach einigen Jahren wissenschaftlich evaluiert. Der Evaluationsbericht zeigt mit grosser Klarheit Zusammenhänge und Gründe auf, weshalb etliche Projektziele von SIRMa nicht oder nur teilweise haben erreicht werden können. Er macht aber auch konkrete Vorschläge, wie die (nach wie vor richtigen und sinnvollen) Projektziele erreicht werden können. Gerade deshalb ist der Evaluationsbericht nicht nur wertvoll für die Schule Winterthur, sondern für alle Schulen, Schulleitungen und Schulbehörden, die ähnliche Ziele anvisieren.

> Hilfreicher Beitrag mit dem Wichtigsten in Kürze aus der Feder des Evaluationsleiters Christian Liesen, ZHAW, Institut für Sozialmanagement (21.06.2018)
> Evaluationsbericht «Evaluation der Umsetzung des Konzepts SIRMa: Stärkung der Integrationskraft der Regelschule durch Ressourcenmanagement» (27.03.2018)
> Medienmitteilung der Zentralschulpflege Winterthur bezogen auf ein bereits beschlossenes Nachfolgeprojekt, welches die Erkenntnisse der Evaluation aufnimmt (19.04.2018)

Schulische Integration im Kanton Graubünden: SHP sehen mehrheitlich positive Effekte

LEGR_grafiken_2Der Verband Lehrpersonen Graubünden (LEGR) hat 2015 die Schulischen Heilpädagog/innen (SHP)* im Kanton zur Thematik der schulischen Intergration befragt. Zwei Drittel (180 SHP) haben geantwortet und ist somit repräsentativ.

Die Resultate sind ingesamt erfreulich (siehe Bild mit den beiden «Kuchengrafiken» … ein Klick auf das Bild macht es grösser): 80% sagen aus, dass sich die schulische Integration positiv oder eher positiv auf die Schüler/innen mit besonderem Förderbedarf auswirkt. Rund zwei Drittel geben an, dass durch diese Schulungsform auch der Lernerfolg der gesamten Klasse positiv oder eher positiv beeinflusst würde. (Bei dieser Antwort haben 23% der Befragten «weiss nicht» angeklickt. Blendet man diese aus, sind über 80% der Antworten im positiven Bereich.) Bei beiden Fragen fällt auf, dass in keinem Fall ein vollumfänglich negativer Effekt zurückgemeldet wurde.

Weiter haben die Befragten ausgesagt, dass
– ein differenzierter Unterricht allen Schüler/innen zugute käme,
– die soziale Kompetenzen innerhalb der ganzen Klasse gestärkt würden
– und dass die Zusammenarbeit im Tandem Klassenlehrperson/SHP bereichernd sei (90% der SHP empfinden die Zusammenarbeit mit den Klassenlehrpersonen als zielführend; in einer früheren Umfrage haben zu dieser Frage 83% der Klassenlehrpersonen eine positive Einschätzung abgegeben).

Als herausfordernd und schwierig erachten die Befragten SHP die Integration von stark verhaltensauffälligen Schüler/innen sowie die Situation von Klassen, in denen sehr viele Kinder mit besonderem Förderbedarf versammelt sind. Beides könne die positiven Integrationseffekt zum Kippen bringen.

Mehrfach erwähnt wurde darüber hinaus, dass eine gute und vertrauensvolle Zusammenarbeit der Lehrpersonen untereinander eine unverzichtbare Grundlage für eine erfolgreiche schulische Integration sei. Und: Integration sei ganz klar eine Schulführungsaufgabe – ohne kompetente Schulleitungen sei eine nachhaltige integrative Schule nicht denkbar.

Link zur Mitteilung des Verbands Lehrpersonen Graubünden (LEGR)
Alle Informationen zur Umfrage (alle Antworten im Detail sowie Präsentationsfolien in einer zip-Datei)

*Für Leser/innen aus Deuschland: Schulische Heilpädagog/innen (SHP) sind Lehrpersonen mit zusätzlichem (in der Regel Master-) Abschluss im sonderpädagogischen Bereich.

Kontradiktorische Gesprächssendung zu schulischer Integration

2015_09_forum_srfAuf Radio SRF 1 wurde am 25.09.2015 eine Diskussionssendung zum Thema schulische Integration ausgestrahlt. Der Moderator Christian von Burg sprach mit den folgenden Gästen im Studio:
– Petra Lüthi, Mutter eines Kindes mit Trisomie 21
– Roland Stark, ehemaliger Kleinklassenlehrer
– Peter Lienhard, Interkantonale Hochschule für Heilpädagogik
In die knapp einstündige Live-Sendung wurden sowohl Aussagen aus einem Online-Forum als auch Telefonanrufe von Zuhörenden zugeschaltet.

Der Gesprächsverlauf zeigt die Grenzen solcher Sendungen auf: Man wird eingeladen, weil man zu einer bestimmten Überzeugung neigt (im vorliegenden Fall kam mir die Rolle des Integrations-Befürworters zu). Die Rollenzuschreibungen sowie die Tatsache, dass die enorm komplexe Thematik für eine breite Zuhörerschaft nur bedingt in der notwendigen Klarheit und Differenziertheit dargestellt werden kann, hinterlässt ein etwas schales Gefühl. Ich habe jedoch die Gesprächsführung und die Gesprächskultur am Studiotisch durchaus als positiv erlebt.

Das Gespräch wurde in Deutschschweizer Dialekt geführt. Die Sendung ist wie folgt zugänglich:
Link zu srf 1 (Informationen, online-hören, Download als Podcast)
– direkter Download als mp3-Datei (53 MB)

Grundschulen auf Rügen arbeiten präventiv und integrativ

ruegen_blog_1Die Insel Rügen liegt im äußersten Nordosten Deutschlands. Das muss nicht bedeuten, dass sich die dortigen Grundschulen entwicklungsmäßig hinter dem Mond befinden: Im Rahmen einer Studienreise der Interkantonalen Hochschule für Heilpädagogik (HfH) Zürich Ende April 2015 konnten wir uns davon überzeugen, dass dem nicht so ist.

Zu Beginn des Schuljahres 2010/11 wurde in allen Rügener Grundschulen mit Unterstützung der Uni Rostock ein umfassender Entwicklungsprozess gestartet. Er läuft unter den Bezeichnungen «Rügener Inklusionsmodel» (RIM) und «Präventive und Integrative Schule auf Rügen» (PISaR). Mir persönlich gefällt die etwas weniger vollmundige zweite Bezeichnung besser.

Das Rügener Modell hat zum Ziel,
– durch präventive Maßnahmen auf verschiedenen Ebenen
– sowie eine evidenzbasierte Praxis und Diagnostik
– und eine systematische Lernfortschrittsdokumentation
den Lernerfolg möglichst aller Schülerinnen und Schüler zu sichern. Das bedeutet unter anderem, dass man sich evidenzbasiert auf bestimmte Lehrmittel geeinigt hat und einheitliche Instrumente zur Lernstanderfassung einführte.

Wie schafft man einen solchen Veränderungsprozess im Umfeld Schule, in welchem die Lehr(mittel)freiheit ausgesprochen stark gewichtet wird? Continue reading ‘Grundschulen auf Rügen arbeiten präventiv und integrativ’ »

«Rezeptbuch schulische Integration» ist in zweiter, aktualisierter Auflage erschienen

rezeptbuch_zweite_auflageIm Jahr 2011 erschien das «Rezeptbuch schulische Integration», das ich gemeinsam mit Klaus Joller-Graf und Belinda Mettauer Szaday verfasst habe. Das Interesse an diesem Buch war erfreulich: Es wurde viermal nachgedruckt.

Obwohl vier Jahre keine Ewigkeit sind, hatten wir das Bedürfnis, verschiedene Inhalte zu aktualisieren … nur einige wenige, wie wir zunächst dachten. Nach und nach entschieden wir uns jedoch, etliche Passagen zu überarbeiten:
⇒ Aktuelle Forschungsergebnisse zur Wirkung der Integration wurden eingearbeitet.
⇒ Die didaktische Prinzipien für einen guten Integrativen Unterricht wurden neu strukturiert und konkretisiert.
⇒ Das Kapitel «Förderdiagnostik und Förderplanung» wurde deutlich überarbeitet und mit einem Abschnitt zum Thema «Nachteilsausgleich» ergänzt.
⇒ Das Kapitel «So kann schulische Integration gelingen» wurde in den Bereichen «Aufgabenteilung zwischen Lehrpersonen und Fachpersonen für Schulische Heilpädagogik» sowie «Führungs- und Steuerungsaufgaben von Schulleitungen im Bereich Sonderpädagogik» angereichert.
⇒ Die Hinweise zu empfehlenswerten Büchern, Materialien und Medien wurden aktualisiert.

Das Inhaltsverzeichnis und die Vorworte zu den Auflagen 1 und 2 können hier heruntergeladen werden: pdf-Datei, 5.2 MB

Das Buch kann hier bestellt werden: direkt beim Haupt-Verlag, bei ex libris, bei buch.ch, bei amazon.de

Referat «Nachteilsausgleich» (Screencast, 44 Min.)

bild_nta_video_blogLehrpersonen und Schulleitungen werden immer häufiger mit dem Thema «Nachteilsausgleich» konfrontiert. Teilweise herrscht dabei eine grosse Verunsicherung: Welche Schülerinnen und Schüler haben Anrecht auf einen Nachteilsausgleich? Und falls sie das haben: Wie werden Nachteilsausgleichsmassnahmen im schulischen Alltag konkret umgesetzt? Und wie stellen wir sicher, dass diese Massnahmen für alle Beteiligten fair sind?

In diesem 44-minütigen Referat erwartet Sie das Folgende:
⇒ Sie lernen die wichtigsten gesetzlichen Grundlagen des Nachteilsausgleichs kennen (bezogen auf die Schweiz).
⇒ Anschliessend stelle ich Ihnen zentrale Merkmale und Prinzipen vor.
⇒ Anhand von kurz umrissenen Fallbeispielen werden Massnahmen des Nachteilsausgleichs von anderen (sonder)pädagogischen Massnahmen abgegrenzt.
⇒ Und schliesslich erhalten Sie Hinweise zu hilfreichen Unterlagen, die Ihnen helfen, Nachteilsausgleichsmassnahmen im schulischen Alltag klar und gerecht umzusetzen.

Hier kommen Sie direkt zum Referat auf YouTube.
Die Folien zum Referat sowie weitere hilfreiche Unterlagen können Sie über diesen Link (zip-Ordner, 5.6 MB) herunterladen.

Hilfreicher Orientierungsrahmen für Massnahmen des Nachteilsausgleichs

graphik_nachteilsausgleichSchulen und andere Ausbildungsinstitutionen werden immer häufiger mit dem Thema «Nachteilsausgleich» konfrontiert. Massnahmen des Nachteilsausgleichs sollen Menschen mit einer Funktionseinschränkung – aber gutem Potenzial, um die Ausbildungsziele erreichen zu können – einen erfolgreichen Abschluss ermöglichen. Das wollen sowohl die Schweizerische Bundesverfassung als auch das Behindertengleichstellungsgesetz – und das ist gut so.

Massnahmen des Nachteilsausgleichs sind aber delikat: Es handelt sich um «Ungleichbehandlungen» mit dem Ziel, «Gleichbehandlung» zu erreichen. Bei einem Stotterer, der eine mündliche Prüfung zu bestehen hat, aber in der vorgesehenen Zeit zu wenig zeigen kann, was er wirklich weiss, leuchtet wohl allen ein, dass er eine Massnahme des Nachteilsausgleichs zugute hat – nämlich mehr Zeit für das Ablegen der mündlichen Prüfung. In anderen Fällen ist die Sache nicht so klar. Und immer dann, wenn fraglich ist, ob jemand durch eine Nachteilsausgleichsmassnahme bevorzugt wird (oder ob bei dieser Person Abstriche bei der geforderten Leistung gemacht werden), stellen sich Fragen der Gerechtigkeit und der Gleichbehandlung.

Der vorliegende «Orientierungsrahmen Nachteilsausgleich» soll helfen, Massnahmen des Nachteilsausgleichs von anderen Massnahmen (z.B. sonderpädagogischer Unterstützung, Notenverzicht, Dispensationen, individuellen Lernzielen) unterscheiden zu können. Zudem werden wichtige Leitplanken und Schlüsselfragen für eine transparente und faire Vereinbarung von Nachteilsausgleichsmassnahmen aufgezeigt.

Der Orientierungsrahmen orientiert sich an der «Wegleitung Nachteilsausgleich» (Henrich et al., 2012). Diese Publikation ist im oben angegebenen Link ebenfalls zum Download bereitgestellt.

Artikel in der Zeitschrift Gymnasium Helveticum 5/2014 «Nachteilsausgleich – oder die Herausforderung, Gerechtigkeit durch Ungleichbehandlung herzustellen» (pdf, 8.8 MB)

Video-Referat «Schritte auf dem Weg hin zur Inklusion – visionär denken, pragmatisch handeln»

2013_lienhard_luxembourgAm 15. März 2013 habe ich an der Tagung «Interdisziplinarität, Integration – Inklusion» in Luxembourg ein Referat gehalten mit dem Titel «Schritte auf dem Weg hin zur Inklusion – visionär denken, pragmatisch handeln» (Peter Lienhard-Tuggener, HfH Zürich). Darin formuliere ich Gelingensbedingungen für eine möglichst inklusive Schule auf drei Ebenen: Schulsystem, Schulhaus und Unterricht.

Dieser halbstündige Vortrag entspricht in weiten Teilen dem später gehaltenen (und leicht erweiterten) Referat «Konkrete Schritte auf dem Weg zu einer ‚Schule für alle‘ – auf vier Ebenen». Hier geht es zum entsprechenden Blog-Eintrag vom September 2013.

Ende November 2013 hat das Bildungsministerium des Staates Luxembourg die Videos sämtlicher Referate der Tagung «Interdisziplinarität, Integration – Inklusion» online gestellt – unter anderem auch Vorträge von Monika A. Vernooij, Sieglind Luise Ellger-Rüttgardt, Karl-Ernst Ackermann und Bernd Ahrbeck.

Direkter Link zum Referat auf Youtube
Link zu den Videos aller Referate
Handout zum Referat «Schritte auf dem Weg hin zur Inklusion – visionär denken, pragmatisch handeln»
Programm der Tagung (Tagungsleitung: Christian Wolzfeld, M.A., Ediff Luxembourg)

Förderplanung auf der Basis der ICF – so kann sie gelingen

vds_sfh_smallZum 14. November 2013 wurde ich für ein Eingangsreferat nach Rostock eingeladen: Der deutsche Verband Sonderpädagogik e.V. (vds) hielt dort seine 46. Hauptversammlung ab. Erwartet wurde von mir das Aufzeigen eines Förderplanungszyklus, der sowohl in Förder- als auch in inklusiven Allgemeinen Schulen machbar ist.

Förderplanungsinstrumente bestehen ja zuhauf … das ist nicht dar Problem. Die große Herausforderung besteht darin, die Aufgabe der Förderplanung mit einem vertretbaren Aufwand leisten zu können – ohne aus fachlicher Sicht in einen Minimalismus abzugleiten. Einfache Rezepte dafür gibt es nicht; es bleibt wohl immer das Ringen nach einer möglichst optimalen Lösung.

Mein Referat ist in der aktuellen Nummer der Zeischrift für Heilpädagogik (4/2014, 128-136) nachzulesen. Eine Probeseite (die erste Seite des Artikels) ist hier herunterladbar. Die Zeitschrift für Heilpädagogik kann man hier erwerben – als Einzelnummer oder im Abonnement.

Die Unterlagen, die ich den Zuhörenden des Referats vom 14.11.2013 zur Verfügung stellte (Folien und weitere Materialien), sind hier herunterladbar.

Gleiche Qualitätsanforderungen ans Bildungsangebot – egal in welchem Setting Schüler/innen mit Behinderungen gefördert werden

argev-bericht_bildSchülerinnen und Schüler mit sehr hohem Förderbedarf – dieser steht in der Regel im Zusammenhang mit einer Behinderung – können in ganz unterschiedlichen Settings gefördert werden: in einer Heimsonderschule, einer Tagessonderschule, einer Integrationsklasse oder integrativ in einer Regelklasse. Ein sehr hoher Förderbedarf wird oft als «Bedarf an verstärkten Massnahmen» oder als «Sonderschulbedarf» bezeichnet.

Bis vor wenigen Jahren entschied der Förderort darüber, nach welchen Kriterien und Verfahren die Qualität des Bildungsangebots überprüft wurde. Regel- und Sonderschulen waren (auch) diesbezüglich getrennte Welten. Heute sind die Angebote durchlässiger geworden … und ganz automatisch stellt sich die Frage: «Wenn ein Schüler mit gleicher Symptomatik entweder in einer Sonderschule oder integriert in der Regelschule gefördert werden kann: Ist es in Ordnung, wenn zur Qualitätseinschätzung andere Massstäbe gelten und andere Evaluationsverfahren durchgeführt werden?»

Im Jahr 2009 nahm die Interkantonale Arbeitsgemeinschaft externe Evaluation von Schulen (ARGEV) diese Thematik auf und erteile der Interkantonalen Hochschule für Heilpädagogik Zürich (HfH) den Auftrag, eine entsprechende Bestandesaufnahme in den Kantonen zu machen. Im Bericht von Christian Liesen und Peter Lienhard (pdf, 2.1 MB) wurde ersichtlich, dass die Evalutionsthemen und -bereiche im Regel- und Sonderschulbereich mehr Gemeinsamkeiten als Besonderheiten aufweisen.
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Inklusion zwischen Diskriminierungsverbot und «das geht nicht»

geteilte_lebensweltDer «Fall Henri» wird derzeit weit über Deutschland hinaus intensiv diskutiert. Dieser Junge mit Down-Syndrom hat die Primarschule integrativ besucht. Eine vergleichbare Weiterführung scheint nun nicht mehr möglich zu sein: Sowohl die Realschule als auch das Gymnasium vor Ort haben die Aufnahme von Henri abgelehnt (Beitrag NZZ online vom 20.05.2014, Beitrag SPIEGEL online vom 16.05.2014, sehr kritischer Artikel auf F.A.Z. online vom 20.05.2014).

Die Diskussion dieser Situation verläuft hoch kontrovers. Es tut sich ein Spannungsfeld auf zwischen «Inklusion ist gesetzt, das Diskriminierungsverbot gilt» und «das geht nicht, das macht doch keinen Sinn mehr». Geht man von einem regulären, herkömmlichen Unterricht in Real-, Sekundar- und Gymnasialklassen aus, ist die Frage nach der Sinnhaftigkeit tatsächlich zu stellen: Auch bei noch so geschickter Differenzierung wird es schwer fallen, Henri beispielsweise an einer Diskussion über den Ukraine-Konflikt oder an einer Mathematik-Lektion zum Thema Integralrechnung echt teilhaben zu lassen. Wer die Inklusionsfrage durch eine Schwarz-weiß-Brille betrachtet («Inklusion ist nur bei ständigem, 100-prozentigem gemeinsamem Lernen umgesetzt») wird sowohl die Schule als auch die betroffenen Schüler/innen in unlösbare Situationen rasseln lassen.

Wir brauchen eine Entkrampfung, um den Kopf frei zu bekommen für pragmatische, für alle Beteiligten lebbare Lösungen. Continue reading ‘Inklusion zwischen Diskriminierungsverbot und «das geht nicht»’ »

Konkrete Schritte auf dem Weg zu einer «Schule für alle» – auf vier Ebenen

liestal_breit_2zu1Was gibt es auf dem Weg hin zu einer «Schule für alle» zu bedenken und zu beachten? Ich habe versucht, relevante Punkte auf vier Ebenen zu formulieren:

Ebene «Forschung, Recht und Ethik»: Welche Vorgaben sind gesetzt? Welche Integrationseffekte sind forschungsmässig gut belegt, welche nicht? Was gehört zu einer echten Teilhabe, die über eine rein räumliche Integration hinausgeht?

Ebene «Schulsystem»: Welche strategischen Leitplanken sollten von Bildungspolitik und Bildungsverwaltung gesetzt werden? Wie offen oder eng sollen die Vorgaben bezüglich der Umsetzung der schulischen Integration sein … beispielsweise: Hat alles jederzeit gemeinsam in der Klasse zu erfolgen? Soll ein Teil der Sonderschulressourcen in die Regelschule umgelagert werden?

Ebene «Schulhaus»: Wie kann sich eine Schule organisieren, damit sowohl die Ressourcen sinnvoll und fair eingesetzt werden? Wie wird ein giesskannenartiges Versickern von wertvollen Förderstunden vermieden? Ist es sinnvoll oder gar notwendig, in einer «Schule für alle» einzelne Schüler/innen mit besonderem Förderbedarf zu «labeln»?

Ebene «Unterricht»: Kann eine «Schule für alle» ohne Unterrichtsentwicklung realisiert werden? Wie können wir es schaffen, einen differenzierten Unterricht zu entwickeln, ohne uns dabei zu überfordern?

Beim letzten Punkt habe ich – wie bereits mehrmals – das so genannte «Churer-Modell» vorgestellt, das mich in seiner Klarheit und Praktikabilität sehr überzeugt (Kurzbeschreibung des «Churer-Modells»: pdf-Datei, 2.2 MB … und hier geht es zur Homepage des Churer-Modells).

Das Handout meines Referats (pdf-Datei, 1.5 MB) dürfte zwar nicht alle Aspekte meiner mündlichen Ausführungen übermitteln, enthält aber die wichtigsten Kernaussagen sowie einen Link zu den Referatsfolien.

Blog «Integrative Schule» ist als Buch erschienen

bild_bloggingbook_lienhardEin Blog in Buchform … macht das Sinn? Diese Frage stellte sich mir, als eine Mitarbeiterin des Verlags «bloggingbooks» mit der Anfrage auf mich zukam, ob ich meinen Blog als Buch veröffentlichen möchte. Ich liess mich nach einigem Zögern schliesslich davon überzeugen, dass es durchaus Sinn machen könnte, das eher flüchtige Medium «Blog» so zu bearbeiten, dass es in der Darbietungsform «Buch» eine Berechtigung erlangen könnte.

Ich habe meine Blogbeiträge zunächst kritisch durchforstet: Allzu situative, nur kurzfristig interessante Beiträge habe ich gekippt. Die verbleibenden habe ich nach vier Themenschwerpunkten geordnet:
• Internationale Einblicke in integrative Schulen
• Umsetzung der Integration in Schule und Unterricht
• Diagnostik, Zusammenarbeit und Förderplanung
• Konzeptuelle und bildungspolitische Perspektiven der schulischen Integration

Natürlich hat dieses handliche Büchlein (74 Seiten) durchaus gewisse Parallelen zur Publikation Rezeptbuch schulische Integration, doch ist der Charakter der Schreibweise ein ziemlich anderer – wie dies eben in einem Blog so die Regel ist. Und weil die einzelnen Beiträge relativ kurz sind (eine halbe bis zwei Seiten), eignet sich diese Broschüre durchaus für den Nachttisch, das Klo oder die Kaffee-Ecke im Lehrerzimmer.

Weitere Informationen: Inhaltsverzeichnis (pdf-Datei) und «Werbeposter» (A3-Format, grössere pdf-Datei)

Bestellmöglichkeit via Ex Libris oder Amazon Deutschland

Nachtrag vom 12.12.2013: Das Buch ist neu auch für rund 3€ als Kindle-Edition erhältlich.

Weniger Lehrpersonen pro Klasse: Bildungsdirektion des Kantons Zürich startet Projekt

zwei_lp_pro_klasse[Bild: NZZ] Es ist unbestritten: Die Anzahl an Lehrpersonen auf der Kindergarten- und Primarstufe hat sich in den vergangenen Jahren laufend erhöht. Verschiedene Gründe sind dafür verantwortlich: Stellenteilungen aufgrund des Wunsches nach Teilzeitpensen, der Einsatz von Fachlehrpersonen sowie der Beizug von Lehrpersonen mit Spezialfunktionen wie Integrative Förderung [IF] oder Deutsch als Zweitsprache [DaZ]). Damit werden die Schnittstellen aufwändiger. Die Klarheit, wer wofür verantwortlich ist, kann leiden.

Vor diesem Hintergrund lanciert die Bildungsdirektion des Kantons Zürich ein Projekt unter der Bezeichnung «Fokus Starke Lernbeziehung». Möglichst viele Spezialfunktionen (u.a. IF, DaZ, Begabtenförderung sowie teilweise auch Therapien) sollen integral von zwei Lehrpersonen übernommen werden. Die Bündelung dieser Ressourcen macht es möglich, dass in vielen Lektionen zwei Lehrpersonen gemeinsam eine Klasse unterrichten werden. Fehlendes Fachwissen soll innerhalb der Schule durch Beratung gesichert werden. Gemäss Projektbeschrieb sollen damit folgende Zielsetzungen erreicht werden:
– pädagogisch (konstantere Lehr-Lern-Beziehung, verbesserte Beziehungsqualität)
– schulorganisatorisch (einfachere Personal- und Stundenplangestaltung, weniger Organisations- und Koordinationsaufwand)
– schulförderlich (Verstärkung der Kompetenzen der Lehrpersonen, mehr fachlicher Austausch, Konzentration auf das pädagogische Kerngeschäft)

Die Idee leuchtet ein: Die Aufsplitterung des (sonder-)pädagogischen Auftrags auf zu viele Personen ist für alle Beteiligten unbefriedigend – nicht zuletzt für die betroffenen Schülerinnen und Schüler. In diesem Zusammenhang möchte ich an die Evaluation des (leider bald der Vergangenheit angehörenden) Grundstufenprojekts erinnern: Sie hat nachgewiesen, dass ein gemeinsam verantworteter Unterricht mit zeitlich hoch dotiertem Teamteaching die Tragfähigkeit der pädagogischen Situation deutlich erhöht. Ich empfinde es deshalb als bitter, dass ein Schulmodell beerdigt werden muss, das Kernelemente des neuen Projekts «Fokus Starke Lernbeziehung» erfolgreich umsetzt.

Dieses Projekt wirft aber auch gewichtige Fragen auf: Gelingt es, das Know-how der Lehrpersonen mit Spezialfunktionen – sie werden teilweise in einzelnen Klassen arbeiten, teilweise beratend tätig sein – in die Klassen und an die Schülerinnen und Schülern zu bringen? Erfolgt durch die Stärkung des Generalistentums eine Verflachung oder gar ein Verlust spezifischer Fähigkeiten und Fertigkeiten im Schulteam?

Ich bin gespannt, wie sich die Umsetzung des Projekts entwickelt, und ich erachte es als positiv, dass die Bildungdirektion grossen Wert auf dessen Begleitung und Evaluation legt. Neben strukturellen und schulorganisatorischen Fragen geht es schliesslich darum, ob der Bildungsauftrag der Volksschule in diesem Modell mindestens gleich gut umgesetzt werden kann wie in den derzeit gelebten Settings – zugunsten aller Schülerinnen und Schüler, ob mit oder ohne besonderem Förderbedarf.

Artikel der NZZ vom Do, 24.01.2013
Projektseite der Bildungsdirektion des Kantons Zürich
Video der Medienkonferenz mit Regine Aeppli (Bildungsdirektorin), Stefan Fritschi (Stadtrat Winterthur) sowie bei der Fragenbeantwortung zusätzlich Martin Wendelspiess (Chef Volksschulamt)
Medienmitteilung der Bildungsdirektion des Kantons Zürich

Radiosendung «Immer mehr Sonderschüler: Was ist los an unseren Schulen?»

farbige_stuehleDie Anzahl Schülerinnen und Schüler, die den Status «Sonderschüler» erhalten, steigt unaufhörlich und in beunruhigender Weise an (vgl. dazu auch den Blogeintrag «Ungebremster Anstieg der Sonderschüler/innen im Kanton Zürich»). Zu dieser Thematik diskutierten im Rahmen der Radiosendung «Forum» von Radio SRF 1 (vormals DRS 1) vom 13. Dezember 2012 die folgenden Personen:
– Beatrice Zbinden, Lehrerin auf der Sekundarstufe I im Kanton Bern
Remo Largo, Kinderarzt und Buchautor
– Peter Lienhard-Tuggener, Hochschule für Heilpädagogik Zürich (der Schreibende)

Zuhörerinnen und Zuhörer konnten sich während der einstündigen Livesendung per Telefon oder E-Mail einbringen. Das Gespräch wurde in Deutschschweizer Dialekt geführt.

Bezüglich inhaltlicher Tiefe und Präzision haben solche breiten Sendegefässe ihre Grenzen. So war während des Gesprächs beispielsweise immer wieder unklar, ob vor allem über die Integration von ehemaligen «Kleinklässlern» gesprochen wird (Schülerinnen und Schüler mit moderaten Lernbeeinträchtigungen oder Verhaltensauffälligkeiten) oder aber über die Integration von Schülerinnen und Schülern mit einer Behinderung (Kinder und Jugendliche mit schwerwiegenden Beeinträchtigungen). Und: Wichtige, aber komplexe Themen (z.B. Einführung einer Richtquote für verstärkte Massnahmen [resp. Massnahmen der Sonderschulung]; Sicherung des Bildungsrechts intensiv behinderter Kinder und Jugendlicher bei zunehmendem Kostendruck; sinnvoller Einsatz des Standardisierten Abklärungsverfahrens; triagierende Mitverantwortung der abklärenden Dienste bei der Massnahmenfindung) hatten in diesem Rahmen verständlicherweise keinen Platz.
So oder so: Gesamthaft empfand ich das Gesprächsklima als konstruktiv und angenehm undogmatisch. Die Haltung und das Engagement der Lehrerin Beatrice Zbinden haben mich sehr beeindruckt.

Link zur entsprechenden Seite von Radio SRF 1 (vormals DRS 1) mit der Möglichkeit, den Beitrag online anzuhören oder als Podcast herunterzuladen

⇒ Podcast zum direkten Download (zip-Datei, 25 MB)

⇒ Zum Thema passender Artikel über eine preisgekrönte Schule im Kanton Appenzell, die mit viel Engagement Schülerinen und Schüler mit einer Behinderung integriert (Appenzeller Zeitung vom 14.12.2012): pdf, 0.2 MB

Klein und innovativ: Liechtenstein präsentiert «Gesamtkonzept Fördermassnahmen»

Wissen Sie, wie sich das pädagogische und sonderpädagogische Angebot im Fürstentum Liechtenstein präsentiert? Nein? Dann sind Sie nicht allein.

Weitgehend unbeachtet von einer breiteren (schweizerischen) Öffentlichkeit wurden im Fürstentum Liechtenstein viele wichtige Entwicklungen im Bildungswesen früh, professionell und konsequent angegangen: Seit mehr als 20 Jahren gilt in der Regelschule das Prinzip der integrativen Förderung; in einzelnen Gemeinden wurden die Basisstufe, weitere altersdurchmischte Schulmodelle und Tagesschulen eingeführt; sonderpädagogische Massnahme einschliesslich Begabtenförderung stehen den Regelschulen im Rahmen eines Kontingents zur Verfügung; die Zuweisung zu verstärkten Massnahmen erfolgt entlang des «Standardisierten Abklärungsverfahrens» … um nur einige Punkte zu nennen.

Die Pädagogische Arbeitsstelle des Schulamts stellt nun alle diese Entwicklungen im Gesamtkonzept «Fördermassnahmen im liechtensteinischen Bildungswesen» dar. Was gefällt mir an diesem Konzept besonders? Es ist schlank gehalten und sehr verständlich geschrieben. Wer sich in eine bestimmte Thematik vertiefen will, wird auf die entsprechenden Dokumente verwiesen. Hilfreich ist die Orientierung nach Farben (siehe Puzzleteile auf dem Bild), so dass die einzelnen Massnahmen textlich jederzeit dem entsprechenden Bereich zugeordnet werden können. Und schliesslich gefällt mir, dass die Terminologie konsequent dem Sonderpädagogik-Konkordat der EDK folgt – obwohl das Fürstentum Liechtenstein (noch) nicht beigetreten ist.

Selbstverständlich: Auch im Ländle kocht man nur mit Wasser. Aber man tut es professionell: Im Fürstentum Liechtenstein sind verschiedene Entwicklungen bereits etabliert, die in verschiedenen Kantonen noch veritable Baustellen sind. Ein Blick dieser Kantone über den östlichen Rhein könnte sich deshalb lohnen.

Homepage des Schulamtes im Fürstentum Liechtenstein
Link zum Download des «Gesamtkonzepts Fördermassnahmen»

Ungebremster Anstieg der Sonderschüler/innen im Kanton Zürich

Es braucht nicht viel Fantasie, um die weitere Entwicklung dieses Säulendiagramms vorherzusagen (Download der Graphik als pdf-Datei): Wenn keine steuernden Massnahmen ergriffen werden, wird insbesondere die «Integrierte Sonderschulung in der Verantwortung der Regelschule» (ISR, im Säulendiagramm blau) ungebremst weiter anwachsen.

Warum dies geschieht, hat den folgenden Zusammenhang: Die sonderpädagogischen Ressourcen im Regelschulbereich sind im Kanton Zürich kontingentiert und können von der Gemeinde nicht ausgeweitet werden. Durch das Erteilen des Etiketts «Sonderschüler» kann sich die Regelschule zusätzliche Ressourcen verschaffen. So kommt es, dass viele Kinder und Jugendliche sozusagen aus finanztechnischen Gründen zu Sonderschülern werden. Das ist nicht nur unbefriedigend, sondern stossend.

Was ist zu tun? Solange neben einem kontingentierten System (Sonderpädagogik in der Regelschule) ein gegen oben offenes System (zusätzliche Ressourcen durch Sonderschulstatus) besteht, wird sich nichts ändern. Es ist aber absehbar, dass ausufernde Schulbudgets in den Gemeinden unter Druck geraten und reduziert werden müssen. Man sollte es nicht so weit kommen lassen, weil die Gefahr besteht, die erzwungenen Reduktionen hastig, wenig reflektiert (und deshalb am falschen Ort) zu tätigen.

Ein möglicherweise besserer Weg könnte die folgenden Elemente umfassen:
• Es braucht eine Setzung, wie hoch der maximal gewollte Anteil an Sonderschülerinnen und Sonderschülern im Kanton sein soll. Weil die Sonderschulquote in den letzten Jahren laufend angestiegen ist, muss von einer «Grauzonenklientel» ausgegangen werden, welche in erster Linie aus Gründen der Ressourcengenerierung mit dem Sonderschulstatus versehen wurde. Entsprechend ist nicht zu erwarten, dass diese Regelung dazu führt, dass der Unterstützungsanspruch schwerer behinderter Schülerinnen und Schüler in Frage gestellt wird.
• Weil es die Schulgemeinden sind, die den Sonderschulstatus von Schüler/innen aussprechen, hat der Kanton keinen direkten Einfluss auf diese Entscheidungen. Indirekt könnte er jedoch die separativen Sonderschulplätze durch eine kantonale Angebotsplanung und daraus abgeleitete Leistungsvereinbarungen mit den Sonderschulinstitutionen steuern. Ein schrittweiser Abbau eines Teils der Sonderschulplätze wäre angesichts vermehrter integrativer Sonderschulungen nur logisch: Es braucht eine angemessene Umlagerung von Ressourcen, die heute in den Sonderschulen gebunden sind, um die Regelschule wirksam stärken zu können.
• Für die Gemeinden könnte der Kanton die Empfehlung einer Bandbreite ihrer Sonderschülerquote aussprechen. Es ist absehbar, dass viele Gemeinden dankbar wären um eine verbindliche Zielgrösse, an der sich die Schulleitungen und die abklärenden Dienste orientieren könnten. Die diagnostische Triage sollte mehr zielorientiert als defizitorientiert sein, was durch die Einführung des Standardisierten Abklärungsverfahrens erleichtert würde.
• In absehbarer Zeit sollten zudem Wege gefunden werden, belastete Regelschulklassen mit zusätzlichen Ressourcen zu unterstützen, ohne dass dazu ein einzelnes Kind herausgepflückt und als Sonderschüler/in «gelabelt» werden muss. Die Sonderschulquoten-Bandbreite der Gemeinde könnte parallel dazu heruntergefahren werden.

Artikel NZZ vom 6.10.2012 (pdf-Datei, 0.9 MB)
Auszug aus dem Protokoll des Regierungsrats des Kantons Zürich vom 26.9.2012 (pdf-Datei, 0.1 MB)
Artikel Tages Anzeiger vom 17.11.2012 «Kampf gegen die Kostenexplosion in den Sonderschulen» (pdf-Datei, 0.7 MB)

Bundesgerichtsentscheid stützt Wunsch nach Sonderschulinternat nicht

Der Bundesgerichtsentscheid «2C-971/2011» lässt aufhorchen: Er stützt den Entscheid des Kantons Schwyz, im Falle eines Sekundarschülers mit einer zentral-auditiven Wahrnehmnungsstörung dem Wunsch der Eltern nach Schulung in einem Sonderschulinternat nicht nachzukommen – trotz unterstützendem Gutachten des kantonalen schulpsychologischen Dienstes (NZZ vom 22. Mai 2012, online-Link, pdf-Datei). Interessant sind die Begündungen im ausführlichen Bundesgerichtsentscheid (ich beschränke mich auf einige wenige Aspekte):

⇒ Die Vorgaben des Schweizerischen Behindertengleichstellungsgesetzes und des Sonderpädagogischen Konzepts des Kantons Schwyz, dass integrative Lösungen wenn immer möglich Vorrang vor separativen Schulungsformen haben sollen, wird stark gewichtet.

⇒ Es besteht für alle Schülerinnen und Schüler (ob behindert oder nicht behindert, ob im Rahmen einer Regel- oder Sonderschule) grundsätzlich kein Recht auf eine optimale, sondern lediglich auf eine angemessene Schulung. Das bedeutet unter anderem, dass Kinder und Jugendliche keine schulische Bevorzugung erhalten dürfen, die aufgrund ihrer Beeinträchtigungen nicht ausreichend begründbar und nachvollziehbar ist (z.B. individuellere Schulung in kleiner Klasse oder umfassende Betreuung in einem Internat).

⇒ Der deutliche Kostenunterschied zwischen einer integrativen Förderung und einer Förderung im Rahmen eines Sonderschulinternats wird in die Erwägungen mit einbezogen.

Dieser Entscheid löst bei mir zweierlei Intentionen aus:
Einerseits freue ich mich darüber, dass der gesetzlich vorgegebene Vorrang integrativer Lösungen offenbar mehr als eine Worthülse ist. Vielmehr handelt es sich um eine Verpflichtung für alle Beteiligten.
Andererseits könnte das Bundesgerichtsurteil dazu verleiten, einzelnen Schülerinnen und Schülern mit bildungsrelevanten Beeinträchtigungen das Recht auf eine spezifische sonderpädagogische Unterstützung (ob im Rahmen einer Regel- oder Sonderschule) zu verwehren, weil hinter einer vordergründigen Normalisierungs- und Integrationsargumentation nüchtern-dominante Sparüberlegungen stehen. Betroffen wären vor allem Schülerinnen und Schüler, die über wenig Lobby (von Elternseite, von Seiten von Behindertenverbänden, von Seiten der Gesellschaft) verfügen.

Es ist wichtig, dass der Fokus nicht bloss auf einzelne Behinderungsmerkmale gesetzt wird («ein Kind mit der Behinderung X hat die Massnamen Y zugute»). Hier kann der verbindliche Einsatz des vor kurzem entwickelten Standardisierten Abklärungsverfahrens eine hilfreiche Orientierung bieten: Es fokussiert stark auf die Entwicklungs- und Bildungsziele und bleibt nicht bei der Diagnose stehen. Aufgrund dieser strukturierten Zieldefinition lässt sich unter allen Beteiligten – bis hin auf juristischer Ebene – klarer argumentieren und einschätzen, welche Schulungsform und welche Unterstützungsmassnahmen als angemessen und fair zu betrachten sind.

⇒ Lesenswerte Medienmitteilung (pdf-Datei) von insieme und Egalité Handicap

«Rezeptbuch schulische Integration»: In 15 Monaten bereits viermal nachgedruckt

Erfreulich: Nachdem das «Rezeptbuch schulische Integration» im März 2011 erschienen ist, musste es schon viermal nachgedruckt werden. Einige Korrekturen an Text und Layout konnten bei dieser Gelegenheit vollzogen werden.

Flyer | Inhaltsverzeichnis und Vorwort

Online-Bestellung: buch.ch | ex libris | Haupt-Verlag | Amazon.de

Rezension (pdf 0.1 MB) vom Mai 2011 in der Zeitschrift «Bildung Schweiz»


Dieses praxisorientierte Buch wurde von einem Autorenteam (Peter Lienhard, Klaus Joller und Belinda Mettauer) verfasst und spricht vor allem Lehrpersonen und Schulleitungen der Regelschule an, aber auch Eltern, Fachpersonen der Sonderpädagogik und angrenzender Gebiete sowie Studierende. Es hat einen Umfang von 189 Seiten und beinhaltet 41 Abbildungen sowie 11 Tabellen.

Aus dem Inhalt:
– Gemeinsames Lernen als Ziel (ein Blick auf die gegenwärtige Realität der Volksschule, rechtliche und ethische Grundlagen, wissenschaftliche Erkenntnisse zu den Wirkungen der schulischen Integration)
– Integrative Schulen machen guten Unterricht (Merkmale eines Unterrichts, der sowohl Schülerinnen und Schülern ohne als auch mit Beeinträchtigungen entgegenkommt)
– Förderdiagnostik und Förderplanung (mit dem Vorschlag eines übersichtlichen Förderplanungszyklus und konkreten Beispielen für eine effiziente und koordinierte Umsetzung)
– So kann schulische Integration gelingen (mit Hinweisen, wie eine Schule auf dem Weg hin zu einer integrativeren Schule vorgehen und ihre Qualität selbst überprüfen kann)
– Kurzbeschriebe von empfehlenswerten Büchern, Materialien und Medien

Zwischen den Kapiteln sind Praxisbeispiele aus integrativen Schulen aus der Deutschland, der Schweiz, Italien, Schweden, Israel und Neuseeland zu finden. Sie zeigen pragmatische und oft verblüffend einfache Wege auf, wie die Schule integrativer gestaltet werden kann.

Immer mehr Schülerinnen und Schüler mit der Diagnose «geistige Behinderung»

Die «Vierteljahreszeitschrift für Heilpädagogik» (VHN) druckt regelmäßig E-Mail-Dialoge zwischen zwei sonderpädagogischen Fachpersonen ab. In der aktuellen Nummer 2/2012 unterhalten sich Hans-Rudolf Bischofberger (Leiter der Heilpädagogischen Schule der Stadt Zürich) und Peter Lienhard (Mitarbeiter an der Interkantonalen Hochschule für Heilpädagogik Zürich) über eine Thematik, die nicht nur ihnen Kopfzerbrechen bereitet: Wie kommt es, dass der Anteil an Schülerinnnen und Schüler mit der Diagnose «geistige Behinderung» vielerorts dramatisch ansteigt? In der Stadt Zürich beispielsweise waren es vor zehn Jahren 120 Schülerinnen und Schüler; heute sind es 440, mehr als dreieinhalb Mal so viel.

Der E-Mail-Dialog geht über die Suche nach Ursachen hinaus und mündet in visionären Organisations- und Ressourcierungsmodellen, die aufgrund des finanzpolitischen Drucks, die Sonderschulzahlen nicht weiterhin ungebremst steigen zu lassen, allenfalls schon bald Realität werden könnten.

Die VHN dürfte in den meisten sonderpädagogisch ausgerichteten Bibliotheken einsehbar sein. Das Heft oder auch nur dieser eine Artikel kann beim Reinhard-Verlag online erworben werden (als Printausgabe oder als pdf-Datei).

Ein Klick aufs Bild zeigt einen kleinen Ausschnitt des E-Mail-Dialogs.

Förderdiagnostisches Praxismodell für die Sekundarstufe I

Roger Mäder und Jürg Senn arbeiten als Schulische Heilpädagogen an der Sekundarschule in Pratteln im Kanton Basel-Landschaft. Sie haben eine förderdiagnostische Konzeption erarbeitet, die bezüglich fachlicher Abstützung, Klarheit und Praxisfreundlichkeit ihresgleichen sucht.

Im Rahmen einer sorgfältig nachgeführten Internetseite stellen sie in verdankenswerter Weise alle Unterlagen gut dokumentiert frei zur Verfügung.

Auch wenn diese Konzeption für die Sekundarstufe I entwickelt wurde: Das Förderdiagnostische Praxismodell eignet sich durchaus auch für die Anwendung auf der Primarstufe.

Download der Präsentation (pptx, 9 MB) sowie des Handbuchs (pdf, 5 MB)

Kanton Zürich erlässt Sonderschulkonzept

Im November 2009 schickte die Bildungsdirektion ein umfassendes sonderpädagogisches Konzept in die Vernehmlassung. Aus verschiedenen Gründen fielen die Vernehmlassungsantworten kritisch aus, so dass die Bildungsdirektion diesen Konzeptvorschlag beerdigte (Download der Vernehmlassungsversion 2009; Link zu einem Blogeintrag zu dieser Thematik vom Juni 2010).

Aufgrund des Rückzugs der Schweizerischen Invalidenversicherung (IV) aus der Sonderschulfinanzierung braucht aber jeder Kanton ein genehmigtes Sonderschulkonzept, weil er sonst die IV-Regelungen weiterführen müsste. Das würde etliche Entwicklungen bremsen oder gar verunmöglichen. Die Bildungsdirektion des Kantons Zürich hat sich nun entschlossen, ein sehr knappes Konzept vorzulegen – aus der Überlegung heraus, dass die notwendigen Regelungen auf den Ebenen Gesetz und Verordnungen bereits bestehen.

Das neue Konzept umfasst lediglich vier Seiten – 51 Seiten weniger als der Vernehmlassungsentwurf 2009 – und wurde am 21. Dezember 2011 von der Bildungsdirektion verfügt. Es konzentriert sich auf die wichtigsten Angaben mit Verweisen zum Volksschulgesetz und den dazugehörigen Verordnungen
– zum Angebot der Sonderschulung,
– zu Bewilligungskriterien von Sonderschuleinrichtungen,
– zum Zuweisungsverfahren,
– zum Vorrang integrativer Lösungen
– sowie zur Finanzierung.

⇒ Download des neuen Sonderschulkonzepts

Best practice und konkrete Entwicklungshinweise:
Publikation «Schulische Integration gelingt»

ImageDie Autorenliste dieses im Dezember 2011 erschienen Buches (Herausgeber: Andrea Lanfranchi und Joseph Steppacher) liest sich – leicht übertrieben ausgedrückt – wie ein «Who is who» der Schweizerischen Sonderpädagogik, ergänzt durch namhafte Autorinnen und Autoren aus den deutschsprachigen Nachbarländern. Auf über 300 Seiten werden einerseits Grundlagen, Forschungsresultate und Gelingensbedingungen für die integrative Schule dargelegt. Andererseits sind Ausführungen zur Integration bei spezifischen Behinderungen enthalten – verfasst von Fachpersonen, die nicht einfach «darüber schreiben», sondern ihre konkreten Erfahrungen aus der Praxis weitergeben. Ein «Must», dieses Buch, das preislich erstaunlich fair daherkommt: CHF 28.90, €(D) 19.90, €(A) 20.50.

Ein Flyer mit Bestellmöglichkeit ist hier herunterladbar.

Das Inhaltsverzeichnis (mit allen Beiträgen und allen Autorinnen und Autoren) ist hier herunterladbar.

Radiosendung «Therapieren wir unsere Schulkinder zugrunde?»

Momentan wird die Thematik, dass Kinder bei jeder kleinen Abweichung therapiert würden, medial heiss gekocht – im Tages Anzeiger und in der NZZ am Sonntag war davon zu lesen. In einer Radio-Debatte, die am 11.11.2011 auf Radio DRS 2 im Sendegefäss «Kontext» ausgestrahlt wurde, «diskutieren» Lilo Lätzsch (Präsidentin des Zürcher Lehrerinnen- und Lehrerverbandes), Sefkia Garibovic (freiberufliche Expertin für Nacherziehung und systemische Therapie) sowie ich, Peter Lienhard (Dozent an der Interkantonalen Hochschule für Heilpädagogik Zürich). Moderiert wurde das Gespräch von Angelika Schett.

Weshalb «diskutieren» in Anführungszeichen? Frau Garibovic ging ausschliesslich von ihrer Erfahrung mit sehr problematischen, verfahrenen Einzelsituationen aus (Massnahmen-Odysee, Schulausschluss, massive medikamentöse Behandlungen, Entzug des Sorgerechts der Eltern). Daraus leitete sie extreme Generalisierungen zur Situation der Schule ab, was eine differenzierte Diskussion stark erschwerte.

Wer sich die Sendung trotzdem anhören möchte:
Radiosendung online anhören
Radiosendung als mp3-Datei herunterladen (14.5 MB)

Formulare für das Verfahren «Schulische Standortgespräche» liegen in aktualisierter Form vor

Die Bildungsdirektion des Kantons Zürich hat die Formulare für das Verfahren «Schulische Standortgespräche» (SSG) neu aufgelegt und online gestellt. Sie sind als einzelne pdf-Dokumente auf der Homepage des Zürcher Volksschulamts (VSA) herunterladbar.

Weil etliche Formulare in zehn Sprachen zur Verfügung stehen, ergeben sich gegen hundert Einzeldateien. Ich habe alle heruntergeladen und in einem zip-Ordner (9.6 MB) zusammengefasst.

Die Formulare sehen nach wie vor gleich aus. Inhaltlich wurden nur kleine begriffliche Optimierungen vorgenommen. Neu sind die Formulare durchnummeriert: Hauptorientierung Primar-Sek ⇒ Formular Nr. 1; Hauptorientierung Kindergarten ⇒ Formular Nr. 2; Hauptorientierung: Grundstufe ⇒ Formular Nr. 3; so genanntes «Basisformular», das für Kinder und Jugendliche mit erheblichen kognitiven Beeinträchtigungen verwendet werden kann, wenn die übrigen Formulare einen zu hohen Kompetenzgrad ansprechen ⇒ Formular Nr. 4 (dieses Formular ist eine Neuentwicklung).

Das VSA hat sich für Nummern entschieden, weil auf diese Weise z.B. das Grundstufenformular bei einem Schüler mit geistiger Behinderung in der 4. Klasse angewendet werden kann, ohne dass unten am Blatt «Vorbereitungsformular Grundstufe» steht . . . es ist nun einfach mit «Volksschule 3» bezeichnet.

Zusätzlich wurden neu auch Formulare für den Frühbereich entwickelt. Diese sollen von der HFE-Fachperson dann zur Anwendung kommen, wenn der Eintritt ins obligatorische Bildungssystem (Kindergarten oder Grundstufe) ansteht.

Internetportal «Integration und Schule» ist online

Informationen zu schulischer Integration gibt es zuhauf. Die Schwierigkeit besteht oft darin, in dieser Fülle rasch zu den relevanten Informationen zu kommen. Hier kann das neue Internetportal «Integration und Schule» weiterhelfen. Es wurde unter Mitwirkung verschiedener schweizerischer Organisationen und Institutionen entwickelt. Initiiert wurde diese Internetplattform von pro infirmis und insieme.

Das Internetportal richtet sich sowohl an Eltern eines Kindes mit Behinderung als auch an Lehrpersonen, Schulleitende und Behördenmitglieder aus allen Sprachregionen der Schweiz (deutsch, französisch, italienisch). Übersichtlich sind gesetzliche Grundlagen, Angaben zum Frühbereich, zum Schulbereich sowie zum nachschulischen Bereich zu finden. Weil die Bildung in der Schweiz kantonal organisiert ist, sind Detailinformationen auf kantonsspezifischen Seiten zugänglich gemacht.

Das Portal ist seit Anfang September 2011 aufgeschaltet. Selbstverständlich werden die Seiten fortwährend aktualisiert. Es lohnt sich also, das Internetportal «Integration und Schule» regelmässig zu besuchen.

«Wir alle in einer Klasse!»: Eine sehr empfehlenswerte Publikation

Geht die schulische Integration auf Kosten der normal- und hochbegabten Schülerinnen und Schüler?
Sind Schülerinnen und Schüler mit besonderem Bildungsbedarf oder einer Behinderung in integrativen Schulen sozial integriert?
Ist schulische Integration auf der Sekundarstufe I möglich?

Von diesen und sechs weiteren «FAQ’s» geht diese kompakte Broschüre aus. Der Autor Patrik Widmer-Wolf von der Pädagogischen Hochschule der Fachhochschule Nordwestschweiz hat Forschungsresultate, Erfahrungsberichte und weitere relevante Materialien in Form einer gut lesbaren, kompakten Broschüre zusammengestellt. Jede Frage wird erläutert und mündet in einem zusammenfassenden Fazit.

Ich finde diese Publikation absolut empfehlenswert. Dass mir die Graphiken nicht so gut gefallen, schmälert deren Wert in keiner Weise. Sie kann hier für 15 Franken (zuzüglich Versandkosten) online bestellt werden.

Literaturangabe: Widmer-Wolf, Patrik (2011). Wir alle in einer Klasse! Heterogenität in Schule und Unterricht: Fragen – Erkenntnisse – Perspektiven. Fachhochschule Nordwestschweiz, Pädagogische Hochschule (Broschüler DIN A4, 28 Seiten).

Lehrvideos «Schulische Standortgespräche moderieren – (k)ein Kunststück!»

Steff Aellig, Interkantonale Hochschule für Heilpädagogik, Zürich (HfH), hat mit Unterstützung von verschiedenen Personen (u.a. Reto Luder, Pädagogische Hochschule Zürich (PHZH), und Raphael Geschwend, pulsmesser.ch) kurze Lehrfilme zum Schulischen Standortgespräch produziert. Sehr anschaulich wird anhand von zwei konkreten Standortgesprächen gezeigt, wie dessen Ablauf aussieht, wie alle Beteiligten wirklich einbezogen werden können und worauf bei der Moderation zu achten ist.

Beispiel mit einem Schüler im Altersspektrum von 9 bis 16 Jahren: Link zu Teil 1Link zu Teil 2

Beispiel mit einer Schülerin im Altersspektrum von 4 bis 8 Jahren: Link zu Teil 1Link zu Teil 2

Bonus: Fragen und Antworten von Fachleuten

Nachtrag: Im September 2011 hat ein Team der Pädagogischen Hochschule Zürich ein 22-minütiges Video eines Schulischen Standortgespräches rund um einen Schüler der Sekundarstufe auf YouTube veröffentlicht.

Die Angst der Schweiz vor der Behindertenkonvention der UNO

Rund 150 Staaten haben bisher die Behindertenkonvention der UNO ratifiziert. Die Schweiz ist nicht unter ihnen – und sie tut sich ungeheuer schwer mit diesem Entscheid. In einem Tages-Anzeiger-Artikel vom 14. Mai 2011 ist unter anderem von der Angst der bürgerlichen Parteien die Rede, «(…) dass alle Kinder in der Regelschule integriert werden müssten.» Dass eine Unterzeichnung der Konvention keinen Zwang zur «totalen Inklusion» bedeutet, zeigt ein juristisches Gutachten der Universität Bern auf. Aber: Eine Ratifizierung der Konvention würde den Weg ebnen, die Regelschule klarer und deutlicher in Richtung einer tragfähigeren, integrativeren Schule zu entwickeln. Unsere Volksschule braucht diesen Schub, um die entsprechenden Ressourcen zu erhalten und ihre Strukturen anpassen zu können. Die Konvention würde den Kantonen den Rücken stärken, mutigere Schritte zu machen – Schritte, die derzeit vielerorts aufgrund parteipolitischer Ränkespiele nicht möglich sind.
Sicherlich: Die Behindertenkonvention der UNO betrifft weit mehr Bereiche als denjenigen der obligatorischen Bildung. Sie hat generell das wichtige Ziel vor Augen, die Partizipationsmöglichkeiten von Menschen mit einer Behinderung substantiell zu verbessern. Ein weiteres Abseitsstehen der Schweiz wäre einfach beschämend.

NACHTRAG vom 22. Mai 2011: Artikel in der ZEIT vom 19.05.2011, in welcher die integrative Schulung eines Jungen mit Down-Syndrom von seinem Vater – er arbeitet als Journalist bei der ZEIT – anschaulich beschrieben wird.

Standardisiertes Abklärungsverfahren liegt in der Endversion vor

In der Schweiz hat sich die Invalidenversicherung (IV) aus der Sonderschulfinanzierung zurückgezogen. Neu sind die Kantone für die Bildung aller Kinder und Jugendlicher – ob ohne oder mit Beeinträchtigungen – verantwortlich. Zur Unterstützung der Feststellung des individuellen Bedarfs wurde von der Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektorinnen und Erziehungsdirektoren (EDK) die Ausarbeitung eines «Standardisierten Abklärungsverfahrens» (SAV) in Auftrag gegeben. Inzwischen liegt das SAV-Dossier, datiert vom 16. April 2011, in der Endversion vor: deutschsprachige Version, pdf 2.5 MB | version française, pdf 2.7 MB

Weitere Informationen:
– Link zur Projekt-Homepage
– Link zu vertiefenden Informationen und Materialien zum Standardisierten Abklärungsverfahren (in der Auswahl links auf «Standardisiertes Abklärungsverfahren» klicken)
– EDK-Entscheid «Verabschiedung des allgemeinen Konzepts des ’standardisierten Abklärungsverfahrens zur Vermittlung des individuellen Bedarfs’» pdf 0.5 MB | EDK-Mitteilung «Neues Abklärungsverfahren Sonderpädagogik» pdf 0.1 MB

Zwei Personen pro Klasse, weniger Verzettelung der Ressourcen

Marcel Bachmann, der neue Chef des Schulamts der Stadt Zürich, zeigt in einem Interview des ZLV-Magazins 1/2011 auf, wie er sich die Entwicklung «seiner» Schule vorstellt. Bachmanns Vision ist klar integrationsorientiert, aber frei von Dogamtismus. Mir gefällt seine Ansicht, dass die personellen Ressourcen der Schule nicht verzettelnd auf viele Personen verteilt werden sollen: Längerfristig sollen möglichst zwei Personen pro Klasse eingesetzt werden. Ich gehe mit ihm einig, dass damit eine der wichtigsten Säulen der Tragfähigkeit einer integrativen Schule gesetzt wird.

Integrative Schule im Gegenwind

In diesem Artikel (NZZ vom 12.02.2011; pdf, 0.3 MB) wird aufgezeigt, dass die Umsetzung einer integrativeren Volksschule in der Schweiz sehr unterschiedlich verläuft. Es gibt also offensichtlich erfolgreichere und ungünstigere Vorgehensweisen.

Unter anderem wird eine überaus absurde Entwicklung angesprochen, die derzeit in vielen Kantonen läuft: Etliche Kinder mit Beeinträchtigungen werden zu Sonderschülern umettikettiert. Vor allem «geistig behinderte» Kinder schiessen wie Pilze aus dem Boden. Es ist offensichtlich, aus welcher Motivation heraus dies geschieht: Jedes dieser Kinder löst Ressourcen aus, die der Regelschule zugute kommen. Das ist keine böse Absicht, sondern scheint darauf hinzuweisen, dass sich die Regelschule ohne diese Zusatzressourcen als zu wenig tragfähig einschätzt.

Es ginge auch anders: In den Grundstufenversuchen des Kantons ist grundsätzlich mehr Personal eingeplant: Über die meiste Zeit sind im Unterricht zwei Lehrpersonen anwesend. Die heilpädagogische Unterstützung erfolgt integrativ. Oft übernimmt die Fachperson in Schulischer Heilpädagogik auch die Deutschunterstützung für Fremdsprachige. So entstehen sinnvolle Pensen, die auf wenige Personen verteilt sind. Die wissenschaftliche Evaluation der Grundstufenversuche hat gezeigt, dass praktisch keine Kinder in eine Sonderklasse oder eine Sonderschule haben wechseln müssen … und weil dieses Schulmodell offenbar genügend tragfähig ist, mussten auch kaum Kinder künstlich zu Sonderschülern gemacht werden.

Dieses Prinzip könnte auf die ganze Volksschule ausgeweitet werden. In einer längeren Übergangsphase wäre zwar mit erheblichen Mehrkosten zu rechnen, weil eine Zeitlang ein gestärktes Regelklassensystem neben dem traditionellen Sonderschulsystem bestehen würde. Mehr und mehr würden jedoch einzelne Sonderschulplätze nicht mehr benötigt und könnten schrittweise abgebaut werden – mit gutem Gewissen und ohne ideologisch motivierten Zwang.

Dass ein solches System erfolgreich funktionieren kann, konnte ich in Neuseeland an verschiedenen Schulen beobachten: In jeder Klasse mehr als eine Lehrperson, differenzierte Unterrichtsformen, altersdurchmischtes Lernen, behinderungsspezifische Unterstützung von Fachstellen, flächendeckende Integration von Schülerinnen und Schülern mit Beeinträchtigungen.

N A C H T R A G : Leserbriefe (NZZ vom 16. und 17.02.2011) . Sie zeigen gut die grosse Bandbreite der Ansichten und Argumente dieser Thematik gegenüber auf.

Aktuelle Studie zur schulischen Integration

Eine aktuelle Studie, durchgeführt von einem Forschungsteam der Universität Fribourg um Gérald Bless, hat bereits bekannte Erkenntnisse bestätigt: Schülerinnen und Schüler mit geistiger Behinderung zeigen vergleichbare schulische Fortschritte, unabhängig davon, ob sie integriert in einer Regelschule oder im Rahmen einer Sonderschule gefördert werden. Die Leseleistungen sind im integrativen Setting leicht besser. Interessant ist, dass auch Alltagskompetenzen (wie beispielsweise Körperpflege) in beiden Lernumgebungen vergleichbar ausfallen.
     Die Studie – sie wurde im Auftrag der Bildungsdirektion des Kantons Zürich erstellt – wird in einem Tages-Artikel vom 30.12.2010 kurz vorgestellt. Daneben ist ein Interview mit einer 13-jährigen, integriert geschulten Schülerin mit Down-Syndrom und ihrer Mutter abgedruckt sowie ein Kommentar der für diese Beiträge verantwortlichen Journalistin.
     In ihrem Kommentar kommt die Journalistin zum Schluss, dass dieses Studie die unselige, zu dogmatisch geführte Integrationsdiskussion entkrampfen könnte, weil es ja offensichtlich nicht darauf ankomme, in welchem Setting ein Kind mit Beeinträchtigungen gefördert wird. Die erstgenannte Hoffnung ist zu unterstützen. Die zweitgenannte Einschätzung greift zu kurz: Bildung besteht nicht nur aus isolierten (curricularen) Leistungen. Gerade bezüglich überfachlicher Kompetenzen können integrative Förderformen oftmals anregendere Bedingungen bieten.

Alle Beiträge sind hier herunterladbar (pdf, 3.6 MB).
Hier kommt man zu Leserbriefen (TA vom 4. Januar 2011), die auf diesen Artikel Bezug nehmen (pdf, 0.3 MB).

N A C H T R A G : In der NZZ vom 31. Januar 2011 ist ein Artikel zur selben Studie, ergänzt durch ein Interview mit Gérald Bless, erschienen. Der Artikel kann hier heruntergeladen werden (pdf, 0.4 MB).

Integrations-Vorbild Neuseeland

Wenn der fünfte Geburtstag eines neuseeländischen Kindes naht, werden Schnupperaufenthalte in der Schule im Dorf oder im Stadtquartier, wo es wohnt, gemacht. Denn: Gleich am nächsten Tag nach seinem Geburtstag tritt das Kind in die Schule ein … ob das nun zu Beginn oder mitten im Schuljahr ist. Das gilt für sämtliche Kinder, auch für diejenigen mit einer Behinderung.

Kinder mit einer signifikanten Behinderung haben vorher meist heilpädagogische Früherziehung erhalten. Wenn nun dieses Kind in die Schule eintritt, werden die notwendigen Vorkehrungen getroffen: Ist ein Kind körperbehindert, werden wenn nötig Rampen und behindertengerechte Sanitärräume gebaut. Schulassistenzen werden organisiert – je nach Bedürfnis des Kindes mit geeigneten Vorkenntnissen. Behindertenspezifische Beratung, beispielsweise beim Vorliegen Sinnes- oder einer geistigen Behinderung, wird verbindlich geplant … und die Lehrpersonen machen gezielte Weiterbildungen, um auf die pädagogischen Bedürfnisse dieses Kindes vorbereitet zu sein. Beim Vorliegen einer Verhaltensauffälligkeit stehen im weiteren Verlauf regionale Beratungslehrpersonen zur Verfügung, um die Schule im Umgang mit diesem Kind zu beraten und zu unterstützen.

Alle diese Mehraufwendungen müssen bei einer nationalen Stelle beantragt werden und werden vom Staat finanziert. Die Schulen erhalten die entsprechenden Finanzen und haben recht grosse Freiheiten, wie sie diese einsetzen. So können auch in Dorfschulen passende personelle Lösungen gefunden werden.

Der Unterricht erfolgt in altersdurchmischten Gruppen und in differenzierter Art und Weise. Es gehört dazu, dass auf verschiedenen Niveaus gearbeitet wird. Die Kinder sind es gewohnt, allein und in Gruppen tätig zu sein. Die Lehrperson nimmt immer wieder eine Gruppe zusammen, um einen Lerninhalt einzuführen oder zu vertiefen. In den Klassen herrscht eine konzentrierte, aber doch entspannte Arbeitsatmosphäre.

Für Kinder mit Beeinträchtigung erstellt die Klassenlehrperson einen individuellen Förderplan. Sie wird dabei von behinderungsspezifischen Fachpersonen unterstützt. Standortgespräche werden halbjährlich durchgeführt.

Es ist faszinierend, was in einer Schule passiert, wenn keine Sonderschulen zur Verfügung stehen: Sie fühlt sich für alle Schülerinnen und Schüler verantwortlich und findet ganz selbstverständlich tragfähige Lösungen, die für mich als Aussenstehenden absolut überzeugend sind. Es tut gut, über den Grenzzaun zu blicken. Es ist so viel mehr möglich, als man sich das gemeinhin vorstellt …

Allgemeine Infos zur Sonderpädagogik in Neuseeland findet man hier.

Spezielle Informationen zu Richtlinien für die Integration, Kriterien zum Erhalt zusätzlicher Ressourcen, individuelle Erziehungspläne u.a.m. findet man hier.

Sonderpädagogisches Konzept des Kantons Zürich wird nicht eingeführt

(Foto: NZZ) Die Bildungsdirektion des Kantons Zürich hat im November 2009 ein umfassendes Konzept in Vernehmlassung gegeben, das den sonderpädagogischen Bereich im Altersbereich von 0 bis 20 im Fokus hat. Die Hauptanliegen des Konzepts: Stärkung der Integrationsfähigkeit der Regelschule durch teilweise Ressourcenumlagerung aus dem Sonderschulbereich; mehr Handlungsspielraum für die Regelschulen beim Einsatz dieser Ressourcen; Wahrnehmung der von der Schweizerischen Invalidenversicherung (IV) an die Kantone übertragenen Verantwortung, das sonderpädagogische Angebot zu sichern und zu steuern.

Die Vernehmlassung hat gezeigt, dass wesentliche Elemente des Konzepts – unter anderem der Vorschlag, Sonderschulentscheidungen durch eine unabhängige kantonale Stelle überprüfen zu lassen – auf breite Ablehnung stiessen. Besonders negativ waren die Reaktionen angesichts des regierungsrätlichen Auftrags, parallel mit der Verstärkung der integrativen Förderung finanzielle Einsparungen zu machen.

An einer Medienkonferenz vom 11. Juni 2010 haben Regierungsrätin Regine Aeppli und Volksschulamtschef Martin Wendelspiess bekannt gegeben, dass auf eine Umsetzung dieses Konzepts verzichtet würde. Einzelne unbestrittene Elemente wie die Einführung eines Standardisierten Abklärungsverfahrens würden eingeführt. Versprochen wurde zudem die rasche Einführung von entlastenden und flexibilisierenden Massnahmen zugunsten der Regelschule.

Selbst wenn etliche der Einwände und Befürchtungen gut nachvollziehbar sind: Es ist schade, dass dieses Konzept keine Chance hatte. Offenbar konnte das in meinen Augen wichtigste Element – einen Teil der zunehmend aus dem Ruder laufenden Sonderschulressourcen vermehrt in der Regelschule vor Ort einzusetzen, um sie tragfähiger, flexibler und damit integrativer werden zu lassen – nicht nachvollziehbar und glaubhaft genug transportiert werden.

Viele Schulleitungen und Lehrpersonen, die hinsichtlich integrativer Schulmodelle bereits auf einem guten Weg sind, fühlen sich nun verunsichert. Für sie ist wichtig zu wissen, dass die bisher eingeführten Integrationsformen weitergeführt werden.

NZZ-Beitrag vom 12.11.2010 betreffend des «Wie weiter nach dem Rückzug des Konzepts» pdf 0.4 MB
Medienmitteilung pdf 0.1 MB | Präsentation der Medienmitteilung pdf 0.1 MB | Vernehmlassungsbericht pdf 0.2 MB
Artikel Neue Zürcher Zeitung pdf 0.4 MB | Artikel und Kommentar Tages-Anzeiger pdf 0.4 MB
Leserbriefe im Leserforum des Tages-Anzeigers pdf 0.2 MB | Leserbriefe in der Neuen Zürcher Zeitung pdf 0.4 MB
Interview Tages Anzeiger mit Jürg Forster, Leiter Schulpsychologischer Dienst der Stadt Zürich pdf 0.7 MB
Beitrag Radio DRS, Regionaljournal vom 11.06.2020, mit Interviewausschnitten mit RR R. Aeppli anhören
Artikel NZZ: Interviewteile mit Riccardo Bonfranchi (Leiter RGZ-HPS ZH) sowie Urs Strasser (Rektor HfH) pdf 0.3 MB
Artikel NZZ: Umsetzung der Integration an der Schule Wädenswil pdf 0.4 MB
Artikel Tages-Anzeiger (Mamablog vom 31.08.2010): Interview mit Regierungsrätin Regine Aeppli pdf 0.3 MB
DIE ZEIT, 19.08.2010): Interview mit Regierungsrätin Regine Aeppli pdf 0.3 MB

Ein Schüler mit Down-Syndrom in einer vierten Regelklasse – kann das gut gehen?

Die Integration von Kindern mit einer geistigen Behinderung in den Kindergarten ist in der Schweiz bereits relativ häufig anzutreffen. Oft erfolgt ein Wechsel in eine heilpädagogische Schule vor dem Eintritt in die Primarschule oder im Laufe der ersten drei Primarschulklassen. Das kann im Einzelfall eine sinnvolle und stimmige Lösung sein – es gibt aber auch gute Beispiele einer weiterführenden Integration, mit der alle Beteiligten zufrieden sind.

In einem kleinen Dorf im Bündner Oberland besucht ein Junge mit Down-Syndrom die vierte Klasse. Wenn man den Klassenlehrer, die Heilpädagogin, die Eltern und die koordinierende Fachperson des Sonderpädagogischen Kompetenzzentrums nach den Erfolgsfaktoren fragt, erhält man die folgenden Antworten:

– Die Integration wurde sorgfältig vorbereitet. Nicht nur die Schule und die Schulbehörde, auch die Eltern sämtlicher Kindergarten- und Primarschulkinder wurden frühzeitig und offen informiert. So konnten Fragen, Ängste und Bedenken, Ängste zur Sprache gebracht und offen diskutiert werden.

– Das gesamte Schulteam hat «Ja» zur Integration gesagt, nicht nur die zunächst betroffene Lehrperson. Es war von Anfang an allen bewusst, dass bei Lehrerwechseln, durch den Fachunterricht und bei klassenübergreifenden Aktivitäten sämtliche Lehrpersonen mit den integrierten Kindern zu tun haben. Auch die Schulbehörde stand und steht voll hinter dieser Entscheidung und stärkt auf diese Weise den Lehrpersonen den Rücken.

– Durch die Integration eines zweiten Kindes mit Sonderschulbedarf (2. Primarklasse) steht die Heilpädagogin insgesamt 18 Wochenlektionen zur Verfügung. Dank einer flexiblen Handhabung des Stundenplans für diese Kinder – sie werden überwiegend integriert in ihrer eigenen Klasse, teilweise gemeinsam in der Klasse eines der beiden Kinder, teilweise auch allein oder zu zweit separat gefördert – ist es möglich, sehr viele Lektionen mit heilpädagogischer Unterstützung zu versehen.

– Die Klassenlehrperson denkt bei der Unterrichtsvorbereitung bewusst mit, in welchen Phasen das Kind mit geistiger Behinderung vollständig gemeinsam mit der Klasse, in welchen themengleich-niveaudifferenziert und in welchen parallel mit separatem Stoffprogramm lernen soll. Die Heilpädagogin richtet ihre Unterstützung flexibel danach aus. Die grösstmögliche Teilnahme am gemeinsamen Unterricht hat immer höchste Priorität.

– Für das Stoffprogramm in denjenigen Fächern, in denen individuelle Lernziele gelten, ist die Heilpädagogin zuständig. Davon ist die Klassenlehrperson konsequent entlastet.

– Für die Eltern des Jungen ist zentral, nicht nur an ihr eigenes Kind, sondern an die ganze Schule zu denken. Es ist ihnen wichtig, dass alle Schülerinnen und Schüler, aber auch die Lehrpersonen zu ihrem Recht kommen, gute Lern- und Lehrbedingungen haben. Sie vereinbarten mit den Lehrpersonen und auch den anderen Eltern, dass bei aufkommenden Fragen oder Problemen sofort gegenseitig Kontakt aufgenommen wird. Auf diese Weise konnte erreicht werden, dass bisher alle Schwierigkeiten frühzeitig besprochen und gelöst werden konnten.

– Die koordinierende Fachperson des Sonderpädagogischen Kompetenzzentrums steht nicht nur für die halbjährlichen Standortbestimmungen zur Verfügung, sondern jederzeit – rasch und niederschwellig, wann immer sie gebraucht wird. Das gibt allen Beteiligten Sicherheit, Gelassenheit und Mut.

Über diesen Link lassen sich die aktuellen «Richtlinien zur Umsetzung der integrativen Sonderschulung im Kanton Graubünden (Januar 2010)» und weitere Informationen zur schulischen Integration im Kanton Graubünden herunterladen.

Integrative Schule … und was kommt dann? Schweden geht mit gutem Beispiel voran

Im Reichsgymnasium in Kristianstad wechseln sich ganz normale Gymnasialklassen ab mit Lerngruppen von Jugendlichen mit körperlicher Behinderung und solchen von Jugendlichen mit geistiger Behinderung … alles unter einem Dach.

Einige Worte zum Schulsystem in Schweden: Vom Vorkindergarten bis zum Abschluss der obligatorischen Schule lernen die Kinder und Jugendlichen grundsätzlich gemeinsam. Eine Aufteilung beispielsweise in verschiedene Schultypen auf der Sekundarstufe I gibt es nicht. Schülerinnen und Schüler mit Behinderung werden wenn möglich integrativ geschult. Es gibt aber auch Sonderschulen, wobei diese praktisch immer auf dem Gelände einer Regelschule angesiedelt sind. Die Eltern können wählen, ob ihr Kind integrativ oder separativ geschult werden soll.

Wie geht es nach dem Abschluss der obligatorischen Schule weiter? Die Mehrheit der Jugendlichen besucht das Gymnasium. Dieses hat in Schweden eine breitere Aufgabe als in Deutschland, Österreich oder der Schweiz. Die Jugendlichen im Alter zwischen 16 und 19 Jahren können aus 17 unterschiedlichen Profilen auswählen. Die meisten Profile beinhalten eine berufliche Grundausbildung, zwei bereiten gezielt auf die Hochschulreife vor.

In diesem Umfeld macht die volle Integration von Jugendlichen mit geistiger Behinderung in diese Profilklassen wenig Sinn. Um dennoch eine grösstmögliche Integration verwirklichen zu können, sind Sonderschulklassen im «normalen» Gymnasiumsgebäude untergebracht. Spezialräume, Pauseneinrichtungen und die Mensa werden gemeinsam genutzt. Man sieht sich und man kennt sich. Wichtig ist die «Integration der Lehrpersonen»: Etliche von ihnen unterrichten sowohl in allgemeinen als auch in sonderpädagogischen Gymnasialklassen. Auf dem Bild (für Vergrösserung ins Bild klicken) ist ein Theaterpädagoge zu sehen. Hier arbeitet er mit Jugendlichen mit einer geistigen Behinderung, er führt aber auch Theaterprojekte mit anderen Gymnasialklassen durch.

Die Schule steht dazu, dass sich die Schülerinnen und Schüler in diesem Alter nicht mehr alle mit den gleichen Themen befassen. Das stelle aber die integrative Ausrichtungen während der Volksschule nicht in Frage … jede Lebensphase habe ihre Form, und die dürfe durchaus auch wechseln.

Die Schülerinnen und Schüler mit einer geistigen Behinderung können sich während ihrer Zeit im Gymnasium – wie alle anderen auch – auf eine berufliche Tätigkeit vorbereiten. Ein Profil weist in Richtung Gastronomie, eines fokussiert auf die Bereiche Hauswirtschaft und Textilien, ein weiteres auf einfache Tätigkeiten im Bereich Motorfahrzeugmechanik. Für alle Profile gibt es Folgeinstitutionen, die eine Mischung zwischen marktwirtschaftlichem Betrieb und geschütztem Arbeitsplatz darstellen. Für die kognitiv weniger leistungsfähigen Jugendlichen stehen geschützte Werkstätten zur Verfügung.

Körperbehinderte Jugendliche haben hier ideale infrastrukturelle Bedingungen (Hilfsmittel, bauliche Anpassungen, in die Schule integrierte Physiotherapie sowie wenn nötig assistierte Wohngemeinschaften). Alle können frei wählen, ob sie in einer Gymnasium-Grossklasse (mit Assistenz) oder in der speziellen Gruppe lernen wollen.

Weitere Informationen zur sonderpädagogischen Abteilung des Reichsgymnasiums Kristianstad

Sonderschule oder Regelschule? Diese Frage stellt sich im Südtirol nicht

Erst auf den zweiten Blick fällt auf, dass der Knabe mit der blau-weissen Windjacke in einer Sitzschale sitzt: Eine Cerebralparese bewirkt, dass seine Muskeln nicht immer dasjenige tun, was er von ihnen möchte. Er kann nicht gehen und das Sprechen fällt ihm etwas schwerer als seinen Kameradinnen und Kameraden (vergrösserte Ansicht: ins Bild klicken).

Die Frage, welche Art von Kindergarten dieser Junge besuchen soll, stellte sich nicht, weil die Alternative «Besuch einer Sonderschule» hier nicht existiert. Entsprechend wissen sämtliche Kindergärtnerinnen, Grundschul-Lehrpersonen und Lehrpersonen der Sekundarstufe I, dass sie mit allen möglichen Funktionseinschränkungen und Behinderungen konfrontiert sein können. Eine Kindergärtnerin: «Wir stellen uns frühzeitig darauf ein, wenn ein Kind mit Beeinträchtigung ins Kindergartenalter kommt. Selbstverständlich geht es nicht ohne fachspezifische Unterstützung und zusätzliches Personal. Wir erhalten beides, und wir besuchen spezifische Fortbildungen, je nach Art der Beeinträchtigung der entsprechenden Kinder.»

Diese Haltung der Selbstverständlichkeit hat mich als Besucher sehr beeindruckt: Herausforderungen werden angenommen und gemeinsam getragen. «Unsere Schule ist eine Schule für alle» ist als gelebter Leitsatz spürbar … und nicht etwa «das Weg ist das Ziel» (… mit «das Weg» meine ich «das Loswerden, das Weggeben aus der Regelklasse»).

In einem weiteren Kindergarten, etwas nördlicher im Vintschgau gelegen, wird ein gehörloses Mädchen mit CI-Versorgung integrativ gefördert. Um sie bei der Verankerung von Begriffen zu unterstützen, haben die Kindergärtnerinnen begonnen, systematisch Schriftbilder in den Alltag einzubauen: Ganze Dialoge sind in Wort und Bild auf Plakaten dargestellt. Inzwischen haben sie festgestellt, dass auch etliche der anderen Kindergartenkinder enorm davon profitieren …

Eine strukturierte Förderplanung – sie orientiert sich stark an der ICF – ist in der Provinz Bozen gut etabliert. Die Förderberichte, die ich in zwei unterschiedlichen Kindergärten zu sehen bekam, waren aussagekräftig und zielorientiert. Entsprechende Vorgaben, Handreichungen sowie fachliche Unterstützung werden von der Kindergartendirektion in Meran zur Verfügung gestellt.

Leider hatte ich keine Möglichkeit, eine Sekundarschule zu besuchen. Es wäre interessant gewesen, das Spannungsfeld inklusiver Bildung (soziale Teilhabe, adäquate Förderung, …) auch auf dieser Schulstufe kennen zu lernen.

Link zur Homepage des zuständigen Schulamtes

TV-Beitrag zum Thema «umstrittene schulische Integration von Kindern mit Behinderung»

In diesem knapp 10-minütigen Beitrag (Fernsehen DRS, Rundschau, 24.01.2010) wird unter anderem die schulische Situation von zwei Mädchen mit Behinderung gezeigt: Eine Schülerin mit Down-Syndrom hat nach der Regelschule in eine Sonderschule gewechselt. Ein Mädchen mit hochgradiger Sehbehinderung besuchte früher eine Sonderschule und ist heute, auf ihren eigenen Wunsch, Schülerin einer 5. Regelklasse. Zu Wort kommen Eltern, Lehrpersonen, Schüler/innen sowie der Sonderschulleiter Riccardo Bonfranchi (medientechnisch inzwischen der «Allan Guggenbühl der Integrationskritik»).

Eigentlich ein recht guter Beitrag … es ist ja auch schwierig, in knapp zehn Minuten dieses komplexe Thema angemessen darzustellen. Positiv ist, dass anhand realer Beispiele aufgezeigt wird, dass der Förderort während der Schulzeit auch wechseln kann – und dass das nicht per se schlecht sein muss.

Was mich aber stört, sind (sinngemäss) die folgenden Botschaften:
> «Integration funktioniert dann, wenn das Kind mit Behinderung – allenfalls mit Hilfsmitteln – die volle Leistung zu bringen in der Lage ist.» (… wir sind von einem differenzierenden Unterricht mit individuellen Zielsetzungen und einer entsprechenden Leistungsbeurteilung noch weit entfernt)
> «Das Sonderpädagogische Konzept für den Kanton Zürich ist eine reine Sparübung.» (… dass im Konzept eine finanzielle Umlagerung und damit eine echte Stärkung der Regelschule vorgesehen ist, wird nicht erwähnt)

Hier kann man den rund 10-minütigen Beitrag anschauen.

Eine Schule für Sehgeschädigte ohne Schülerinnen und Schüler

Im Bundesland Schleswig-Holstein gibt es keine Sonderschulen für sehbehinderte und blinde Kinder und Jugendliche im üblichen Sinne. Die meisten dieser Schülerinnen und Schüler werden integrativ in der Regelschule an ihrem Wohnort unterrichtet. Beim Vorliegen einer zusätzlichen Behinderung erfolgt die Förderung in einer regionalen Sonderschule – meist in einer mit Förderschwerpunkt Kognition. In jedem Fall werden nicht nur die sehgeschädigten Schülerinnen und Schüler selbst, sondern auch deren Lehrpersonen und Eltern vom «Landesförderzentrum Sehen, Schleswig» unterstützt.

Stellt die Integration von sehbehinderten und blinden Schülerinnen und Schülern in Regelklassen nicht eine sonderpädagogische Fahrlässigkeit dar? Geht auf diese Weise nicht das sehgeschädigtenspezifische Know-how verloren?

Ich hatte vom 10. bis 12. Februar 2010 die Gelegenheit, Einblick in die Arbeit des Förderzentrums zu nehmen … und ich war sehr beeindruckt. Das Landesförderzentrum ist für mich der lebendige Beweis, dass es möglich ist, fachspezifisches Wissen und Können auch ohne stationäres Angebot zu bewahren. Es braucht dazu aber eine gut geführte «Zentrale», zu der die integrativ tätigen Fachleute regelmässigen Kontakt haben. Im Falle des Landesförderzentrums Sehen geschieht dies alle 14 Tage.

Was bietet dieses Landesförderzentrum? Die Schule vor Ort wird durch sehgeschädigtenspezifische Fachpersonen wirkungsvoll unterstützt. Beratung erfolgt nicht nur im Früh-, Grundschul- und Sekundarschulbereich, sondern auch beim Übergang in den Beruf bis zum Ende der Ausbildung. Jede Schülerin, jeder Schüler besucht mehrmals jährlich zentrale Kurse. So lernen sie Gleichbetroffene kennen. Das Kursprogramm ist spannend und breit. Das Zentrum unterhält ein gut sortiertes Medienzentrum. Darüber hinaus bietet es die Dienstleistung an, Förder- und Unterrichtsmaterialien sehgeschädigtengerecht zu erstellen (z.B. durch tastbare Elemente, kontrastreiche Farbgebung, Umsetzung in Brailleschrift).

Hier gibt es weitere Informationen zum Landesförderzentrum Sehen, Schleswig .

Zu den Bildern:
1) Dieses Mädchen ist blind und besucht ganz selbstverständlich die Regelschule in ihrem Wohnquartier. Zwei Halbtage pro Woche ist eine Sehgeschädigtenpädagogin vor Ort. In der restlichen Zeit steht je nach Bedarf und Aktivitäten der Klasse eine Assistenzperson zur Verfügung.
2) In zentralen Kursen wird unter anderem der Umgang mit Hilfsmitteln geübt.
3) In einem Medienzentrum liegt ein breites Angebot an Förder- und Unterrichtsmaterialien bereit.
4) Im Zentrum werden Spiel- und Lehrmaterialien nach den Wünschen der Lehrpersonen sehgeschädigtengerecht aufbereitet.

Radiosendung zur aktuellen Integrationsdebatte: «Behinderte in normalen Schulen – nur gut gemeint?»

Schweizer Radio DRS 2 sendete am 4. und am 5. Februar einen hörenswerten Beitrag in zwei Teilen.

Im ersten Teil wird unter anderem auf die UN-Konvention über die Rechte der Menschen mit Behinderung Bezug genommen. Zahlreiche Länder sind beigetreten – die Schweiz hat es nun (endlich) auch vor. In der Sendung werden Einblicke in Integrationsschulen aus dem Ausland gemacht. Auch Schülerinnen und Schüler – behinderte und nichtbehinderte – kommen zu Wort. Zudem führt die Redaktorin Cornelia Kazis ein informatives, sachliches und undogmatisches Interview mit Winfried Kronig (Uni Fribourg). Download als Podcast (28 Min., mp3, 13.1 MB)

Im zweiten Teil führt Cornelia Kazis (professionell und gut vorbereitet) eine kontroverse Debatte zum Thema. Concita Filipini (HfH Zürich) verweist unter anderem auf positive Beispiele aus Skandinavien und dem Tessin. Riccardo Bonfranchi (RGZ/HPS-Schulleiter, Zürich) argumentiert dahingenend, dass geistig Behinderte nur in einer Sonderschule angemessen gefördert werden können. Sehr positiv überrascht hat mich Christoph Eymann, Vorsteher des Erziehungsdepartements des Kantons Basel Stadt: Grosses Wissen, enormes Engagement, sieht auch die Probleme und reagiert entsprechend. Solche Bildungspolitiker brauchen wir. Download als Podcast (28 Min., mp3, 13.1 MB)

Schaffen wir die Integration?

Am 20. November 2009 hat die Stiftung Pestalozzianum ein Podium zum Thema «Schaffen wir die Integration?» durchgeführt. Über diesen Link sind die Referate auf Vido einsehbar (je 10 bis 15 Minuten).

Roger de Weck bezeichnet sich zwar als «Nicht-Experte» der Integrationsthematik. Es lohnt sich trotzdem, ihm eine Viertelstunde lang zuzuhören. Unter anderem reflektiert de Weck in brillanter Weise die aktuelle Mediengesellschaft und appeliert an die Pädagogik, diese nicht nachzuäffen. Weiter diskutiert er drei wesentliche Pfeiler der Integration: Rückscht, Weitsicht und Einsicht.

Winfried Kronig referiert seine bekannten Forschungsresultate bezüglich der erstaunlich unplausiblen Selektionsunterschiede in unterschiedlichen Kantonen – wie gewohnt sehr unterhaltsam.

Die Bildungsforscherin Gita Steiner-Khamsi fokussiert u.a. auf die Entwicklung der Interkulturellen Pädagogik und auf das Phänomen, dass immer mehr sonderpädagogische Angebote genutzt werden. Für sonderpädagogische Insider bringt dieser Input wenig Neues.

Anschliessend sind Kurz-Statements zum Thema «freie Schulwahl» abrufbar. Es äussern sich Jacqueline Fehr, Lucien Criblez, Filippo Leutenegger und Margarita Müller. Wer die wichtigsten Argumente pro und contra kennenlernen will, wird hier gut bedient.