Posts tagged ‘Unterrichtsentwicklung’

Wie lässt sich die integrative Förderung auf der Sekundarstufe I optimieren?

(Bild und Text: HfH Zürich) Integrative Schulungsformen sind auf der Primarstufe seit etlichen Jahren etabliert. Eine zunehmende Anzahl integrativ geschulter Schülerinnen und Schüler steht vor dem Übertritt in die Sekundarstufe I – eine herausfordernde Situation für die sonderpädagogische Förderung aufgrund der bestehenden Strukturen und der knappen Ressourcen in den Sekundarschulen.

Aus diesem Grund wurde an der HfH die Handreichung «Wege zur integrativen Förderung in der Sekundarschule» entwickelt, im Sinne einer Orientierungs- und Entscheidungshilfe für Schulleitungen, Schulteams und Schulbehörden. Sie kann als Leitlinie dienen bei der Reflexion der aktuellen integrativen Förderpraxis sowie bei Entwicklungsprozessen hin zu deren Optimierung. Die Handreichung beleuchtet die folgenden Themen:

  • Besondere Bedingungen und Herausforderungen der integrativen Förderung auf der Sekundarstufe I
  • Fachpersonen in Schulischer Heilpädagogik: Rolle und Kompetenzanforderungen
  • Zwei Modelle und Entwicklungsperspektiven für die integrative Förderung auf der Sekundarstufe I: Schulen mit Lernlandschaften, Schulen mit Förderzentrum

Schulen, die eine externe Begleitung bei diesem Entwicklungsprozess in Erwägung ziehen, können mit der Interkantonalen Hochschule für Heilpädagogik (HfH) Kontakt aufnehmen. Weitere Informationen dazu sind hier zu finden.

Schulische Integration im Kanton Graubünden: SHP sehen mehrheitlich positive Effekte

LEGR_grafiken_2Der Verband Lehrpersonen Graubünden (LEGR) hat 2015 die Schulischen Heilpädagog/innen (SHP)* im Kanton zur Thematik der schulischen Intergration befragt. Zwei Drittel (180 SHP) haben geantwortet und ist somit repräsentativ.

Die Resultate sind ingesamt erfreulich (siehe Bild mit den beiden «Kuchengrafiken» … ein Klick auf das Bild macht es grösser): 80% sagen aus, dass sich die schulische Integration positiv oder eher positiv auf die Schüler/innen mit besonderem Förderbedarf auswirkt. Rund zwei Drittel geben an, dass durch diese Schulungsform auch der Lernerfolg der gesamten Klasse positiv oder eher positiv beeinflusst würde. (Bei dieser Antwort haben 23% der Befragten «weiss nicht» angeklickt. Blendet man diese aus, sind über 80% der Antworten im positiven Bereich.) Bei beiden Fragen fällt auf, dass in keinem Fall ein vollumfänglich negativer Effekt zurückgemeldet wurde.

Weiter haben die Befragten ausgesagt, dass
– ein differenzierter Unterricht allen Schüler/innen zugute käme,
– die soziale Kompetenzen innerhalb der ganzen Klasse gestärkt würden
– und dass die Zusammenarbeit im Tandem Klassenlehrperson/SHP bereichernd sei (90% der SHP empfinden die Zusammenarbeit mit den Klassenlehrpersonen als zielführend; in einer früheren Umfrage haben zu dieser Frage 83% der Klassenlehrpersonen eine positive Einschätzung abgegeben).

Als herausfordernd und schwierig erachten die Befragten SHP die Integration von stark verhaltensauffälligen Schüler/innen sowie die Situation von Klassen, in denen sehr viele Kinder mit besonderem Förderbedarf versammelt sind. Beides könne die positiven Integrationseffekt zum Kippen bringen.

Mehrfach erwähnt wurde darüber hinaus, dass eine gute und vertrauensvolle Zusammenarbeit der Lehrpersonen untereinander eine unverzichtbare Grundlage für eine erfolgreiche schulische Integration sei. Und: Integration sei ganz klar eine Schulführungsaufgabe – ohne kompetente Schulleitungen sei eine nachhaltige integrative Schule nicht denkbar.

Link zur Mitteilung des Verbands Lehrpersonen Graubünden (LEGR)
Alle Informationen zur Umfrage (alle Antworten im Detail sowie Präsentationsfolien in einer zip-Datei)

*Für Leser/innen aus Deuschland: Schulische Heilpädagog/innen (SHP) sind Lehrpersonen mit zusätzlichem (in der Regel Master-) Abschluss im sonderpädagogischen Bereich.

Grundschulen auf Rügen arbeiten präventiv und integrativ

ruegen_blog_1Die Insel Rügen liegt im äußersten Nordosten Deutschlands. Das muss nicht bedeuten, dass sich die dortigen Grundschulen entwicklungsmäßig hinter dem Mond befinden: Im Rahmen einer Studienreise der Interkantonalen Hochschule für Heilpädagogik (HfH) Zürich Ende April 2015 konnten wir uns davon überzeugen, dass dem nicht so ist.

Zu Beginn des Schuljahres 2010/11 wurde in allen Rügener Grundschulen mit Unterstützung der Uni Rostock ein umfassender Entwicklungsprozess gestartet. Er läuft unter den Bezeichnungen «Rügener Inklusionsmodel» (RIM) und «Präventive und Integrative Schule auf Rügen» (PISaR). Mir persönlich gefällt die etwas weniger vollmundige zweite Bezeichnung besser.

Das Rügener Modell hat zum Ziel,
– durch präventive Maßnahmen auf verschiedenen Ebenen
– sowie eine evidenzbasierte Praxis und Diagnostik
– und eine systematische Lernfortschrittsdokumentation
den Lernerfolg möglichst aller Schülerinnen und Schüler zu sichern. Das bedeutet unter anderem, dass man sich evidenzbasiert auf bestimmte Lehrmittel geeinigt hat und einheitliche Instrumente zur Lernstanderfassung einführte.

Wie schafft man einen solchen Veränderungsprozess im Umfeld Schule, in welchem die Lehr(mittel)freiheit ausgesprochen stark gewichtet wird? Continue reading ‘Grundschulen auf Rügen arbeiten präventiv und integrativ’ »

«Rezeptbuch schulische Integration» ist in zweiter, aktualisierter Auflage erschienen

rezeptbuch_zweite_auflageIm Jahr 2011 erschien das «Rezeptbuch schulische Integration», das ich gemeinsam mit Klaus Joller-Graf und Belinda Mettauer Szaday verfasst habe. Das Interesse an diesem Buch war erfreulich: Es wurde viermal nachgedruckt.

Obwohl vier Jahre keine Ewigkeit sind, hatten wir das Bedürfnis, verschiedene Inhalte zu aktualisieren … nur einige wenige, wie wir zunächst dachten. Nach und nach entschieden wir uns jedoch, etliche Passagen zu überarbeiten:
⇒ Aktuelle Forschungsergebnisse zur Wirkung der Integration wurden eingearbeitet.
⇒ Die didaktische Prinzipien für einen guten Integrativen Unterricht wurden neu strukturiert und konkretisiert.
⇒ Das Kapitel «Förderdiagnostik und Förderplanung» wurde deutlich überarbeitet und mit einem Abschnitt zum Thema «Nachteilsausgleich» ergänzt.
⇒ Das Kapitel «So kann schulische Integration gelingen» wurde in den Bereichen «Aufgabenteilung zwischen Lehrpersonen und Fachpersonen für Schulische Heilpädagogik» sowie «Führungs- und Steuerungsaufgaben von Schulleitungen im Bereich Sonderpädagogik» angereichert.
⇒ Die Hinweise zu empfehlenswerten Büchern, Materialien und Medien wurden aktualisiert.

Das Inhaltsverzeichnis und die Vorworte zu den Auflagen 1 und 2 können hier heruntergeladen werden: pdf-Datei, 5.2 MB

Das Buch kann hier bestellt werden: direkt beim Haupt-Verlag, bei ex libris, bei buch.ch, bei amazon.de

Video-Referat «Schritte auf dem Weg hin zur Inklusion – visionär denken, pragmatisch handeln»

2013_lienhard_luxembourgAm 15. März 2013 habe ich an der Tagung «Interdisziplinarität, Integration – Inklusion» in Luxembourg ein Referat gehalten mit dem Titel «Schritte auf dem Weg hin zur Inklusion – visionär denken, pragmatisch handeln» (Peter Lienhard-Tuggener, HfH Zürich). Darin formuliere ich Gelingensbedingungen für eine möglichst inklusive Schule auf drei Ebenen: Schulsystem, Schulhaus und Unterricht.

Dieser halbstündige Vortrag entspricht in weiten Teilen dem später gehaltenen (und leicht erweiterten) Referat «Konkrete Schritte auf dem Weg zu einer ‚Schule für alle‘ – auf vier Ebenen». Hier geht es zum entsprechenden Blog-Eintrag vom September 2013.

Ende November 2013 hat das Bildungsministerium des Staates Luxembourg die Videos sämtlicher Referate der Tagung «Interdisziplinarität, Integration – Inklusion» online gestellt – unter anderem auch Vorträge von Monika A. Vernooij, Sieglind Luise Ellger-Rüttgardt, Karl-Ernst Ackermann und Bernd Ahrbeck.

Direkter Link zum Referat auf Youtube
Link zu den Videos aller Referate
Handout zum Referat «Schritte auf dem Weg hin zur Inklusion – visionär denken, pragmatisch handeln»
Programm der Tagung (Tagungsleitung: Christian Wolzfeld, M.A., Ediff Luxembourg)

Modelle professioneller Zusammenarbeit im Unterricht

zahraeder_mit_modellenNoch vor wenigen Jahrezehnten wurden Lehrpersonen als Einzelkämpfer/innen ausgebildet. Das hat sich grundlegend geändert: Die heutige Schule ist ohne Zusammenarbeit nicht mehr vorstellbar. Die Frage ist nicht mehr das «Ob», sondern vielmehr das «Wie».

Weil immer wieder Schulteams auf mich zu kamen mit dem Anliegen, die Zusammenarbeit zwischen Regellehrpersonen und sonderpädagogischen Fachpersonen (namentlich Schulischen Heilpädagog/innen) zu reflektieren und zu optimieren, habe ich auf plakative (und auch leicht humorvolle) Art und Weise verschiedene Modelle der Zusammenarbeit skizziert

Die entsprechenden Beschreibungen sind hier herunterladbar. Enthalten ist auch ein Vorschlag, wie man im Schulteam mit diesen Modellen arbeiten kann, um die eigenen Formen der Zusammenarbeit zu reflektieren und weiterzuentwickeln.

Inklusion zwischen Diskriminierungsverbot und «das geht nicht»

geteilte_lebensweltDer «Fall Henri» wird derzeit weit über Deutschland hinaus intensiv diskutiert. Dieser Junge mit Down-Syndrom hat die Primarschule integrativ besucht. Eine vergleichbare Weiterführung scheint nun nicht mehr möglich zu sein: Sowohl die Realschule als auch das Gymnasium vor Ort haben die Aufnahme von Henri abgelehnt (Beitrag NZZ online vom 20.05.2014, Beitrag SPIEGEL online vom 16.05.2014, sehr kritischer Artikel auf F.A.Z. online vom 20.05.2014).

Die Diskussion dieser Situation verläuft hoch kontrovers. Es tut sich ein Spannungsfeld auf zwischen «Inklusion ist gesetzt, das Diskriminierungsverbot gilt» und «das geht nicht, das macht doch keinen Sinn mehr». Geht man von einem regulären, herkömmlichen Unterricht in Real-, Sekundar- und Gymnasialklassen aus, ist die Frage nach der Sinnhaftigkeit tatsächlich zu stellen: Auch bei noch so geschickter Differenzierung wird es schwer fallen, Henri beispielsweise an einer Diskussion über den Ukraine-Konflikt oder an einer Mathematik-Lektion zum Thema Integralrechnung echt teilhaben zu lassen. Wer die Inklusionsfrage durch eine Schwarz-weiß-Brille betrachtet («Inklusion ist nur bei ständigem, 100-prozentigem gemeinsamem Lernen umgesetzt») wird sowohl die Schule als auch die betroffenen Schüler/innen in unlösbare Situationen rasseln lassen.

Wir brauchen eine Entkrampfung, um den Kopf frei zu bekommen für pragmatische, für alle Beteiligten lebbare Lösungen. Continue reading ‘Inklusion zwischen Diskriminierungsverbot und «das geht nicht»’ »

Konkrete Schritte auf dem Weg zu einer «Schule für alle» – auf vier Ebenen

liestal_breit_2zu1Was gibt es auf dem Weg hin zu einer «Schule für alle» zu bedenken und zu beachten? Ich habe versucht, relevante Punkte auf vier Ebenen zu formulieren:

Ebene «Forschung, Recht und Ethik»: Welche Vorgaben sind gesetzt? Welche Integrationseffekte sind forschungsmässig gut belegt, welche nicht? Was gehört zu einer echten Teilhabe, die über eine rein räumliche Integration hinausgeht?

Ebene «Schulsystem»: Welche strategischen Leitplanken sollten von Bildungspolitik und Bildungsverwaltung gesetzt werden? Wie offen oder eng sollen die Vorgaben bezüglich der Umsetzung der schulischen Integration sein … beispielsweise: Hat alles jederzeit gemeinsam in der Klasse zu erfolgen? Soll ein Teil der Sonderschulressourcen in die Regelschule umgelagert werden?

Ebene «Schulhaus»: Wie kann sich eine Schule organisieren, damit sowohl die Ressourcen sinnvoll und fair eingesetzt werden? Wie wird ein giesskannenartiges Versickern von wertvollen Förderstunden vermieden? Ist es sinnvoll oder gar notwendig, in einer «Schule für alle» einzelne Schüler/innen mit besonderem Förderbedarf zu «labeln»?

Ebene «Unterricht»: Kann eine «Schule für alle» ohne Unterrichtsentwicklung realisiert werden? Wie können wir es schaffen, einen differenzierten Unterricht zu entwickeln, ohne uns dabei zu überfordern?

Beim letzten Punkt habe ich – wie bereits mehrmals – das so genannte «Churer-Modell» vorgestellt, das mich in seiner Klarheit und Praktikabilität sehr überzeugt (Kurzbeschreibung des «Churer-Modells»: pdf-Datei, 2.2 MB … und hier geht es zur Homepage des Churer-Modells).

Das Handout meines Referats (pdf-Datei, 1.5 MB) dürfte zwar nicht alle Aspekte meiner mündlichen Ausführungen übermitteln, enthält aber die wichtigsten Kernaussagen sowie einen Link zu den Referatsfolien.

Blog «Integrative Schule» ist als Buch erschienen

bild_bloggingbook_lienhardEin Blog in Buchform … macht das Sinn? Diese Frage stellte sich mir, als eine Mitarbeiterin des Verlags «bloggingbooks» mit der Anfrage auf mich zukam, ob ich meinen Blog als Buch veröffentlichen möchte. Ich liess mich nach einigem Zögern schliesslich davon überzeugen, dass es durchaus Sinn machen könnte, das eher flüchtige Medium «Blog» so zu bearbeiten, dass es in der Darbietungsform «Buch» eine Berechtigung erlangen könnte.

Ich habe meine Blogbeiträge zunächst kritisch durchforstet: Allzu situative, nur kurzfristig interessante Beiträge habe ich gekippt. Die verbleibenden habe ich nach vier Themenschwerpunkten geordnet:
• Internationale Einblicke in integrative Schulen
• Umsetzung der Integration in Schule und Unterricht
• Diagnostik, Zusammenarbeit und Förderplanung
• Konzeptuelle und bildungspolitische Perspektiven der schulischen Integration

Natürlich hat dieses handliche Büchlein (74 Seiten) durchaus gewisse Parallelen zur Publikation Rezeptbuch schulische Integration, doch ist der Charakter der Schreibweise ein ziemlich anderer – wie dies eben in einem Blog so die Regel ist. Und weil die einzelnen Beiträge relativ kurz sind (eine halbe bis zwei Seiten), eignet sich diese Broschüre durchaus für den Nachttisch, das Klo oder die Kaffee-Ecke im Lehrerzimmer.

Weitere Informationen: Inhaltsverzeichnis (pdf-Datei) und «Werbeposter» (A3-Format, grössere pdf-Datei)

Bestellmöglichkeit via Ex Libris oder Amazon Deutschland

Nachtrag vom 12.12.2013: Das Buch ist neu auch für rund 3€ als Kindle-Edition erhältlich.

Weniger Lehrpersonen pro Klasse: Bildungsdirektion des Kantons Zürich startet Projekt

zwei_lp_pro_klasse[Bild: NZZ] Es ist unbestritten: Die Anzahl an Lehrpersonen auf der Kindergarten- und Primarstufe hat sich in den vergangenen Jahren laufend erhöht. Verschiedene Gründe sind dafür verantwortlich: Stellenteilungen aufgrund des Wunsches nach Teilzeitpensen, der Einsatz von Fachlehrpersonen sowie der Beizug von Lehrpersonen mit Spezialfunktionen wie Integrative Förderung [IF] oder Deutsch als Zweitsprache [DaZ]). Damit werden die Schnittstellen aufwändiger. Die Klarheit, wer wofür verantwortlich ist, kann leiden.

Vor diesem Hintergrund lanciert die Bildungsdirektion des Kantons Zürich ein Projekt unter der Bezeichnung «Fokus Starke Lernbeziehung». Möglichst viele Spezialfunktionen (u.a. IF, DaZ, Begabtenförderung sowie teilweise auch Therapien) sollen integral von zwei Lehrpersonen übernommen werden. Die Bündelung dieser Ressourcen macht es möglich, dass in vielen Lektionen zwei Lehrpersonen gemeinsam eine Klasse unterrichten werden. Fehlendes Fachwissen soll innerhalb der Schule durch Beratung gesichert werden. Gemäss Projektbeschrieb sollen damit folgende Zielsetzungen erreicht werden:
– pädagogisch (konstantere Lehr-Lern-Beziehung, verbesserte Beziehungsqualität)
– schulorganisatorisch (einfachere Personal- und Stundenplangestaltung, weniger Organisations- und Koordinationsaufwand)
– schulförderlich (Verstärkung der Kompetenzen der Lehrpersonen, mehr fachlicher Austausch, Konzentration auf das pädagogische Kerngeschäft)

Die Idee leuchtet ein: Die Aufsplitterung des (sonder-)pädagogischen Auftrags auf zu viele Personen ist für alle Beteiligten unbefriedigend – nicht zuletzt für die betroffenen Schülerinnen und Schüler. In diesem Zusammenhang möchte ich an die Evaluation des (leider bald der Vergangenheit angehörenden) Grundstufenprojekts erinnern: Sie hat nachgewiesen, dass ein gemeinsam verantworteter Unterricht mit zeitlich hoch dotiertem Teamteaching die Tragfähigkeit der pädagogischen Situation deutlich erhöht. Ich empfinde es deshalb als bitter, dass ein Schulmodell beerdigt werden muss, das Kernelemente des neuen Projekts «Fokus Starke Lernbeziehung» erfolgreich umsetzt.

Dieses Projekt wirft aber auch gewichtige Fragen auf: Gelingt es, das Know-how der Lehrpersonen mit Spezialfunktionen – sie werden teilweise in einzelnen Klassen arbeiten, teilweise beratend tätig sein – in die Klassen und an die Schülerinnen und Schülern zu bringen? Erfolgt durch die Stärkung des Generalistentums eine Verflachung oder gar ein Verlust spezifischer Fähigkeiten und Fertigkeiten im Schulteam?

Ich bin gespannt, wie sich die Umsetzung des Projekts entwickelt, und ich erachte es als positiv, dass die Bildungdirektion grossen Wert auf dessen Begleitung und Evaluation legt. Neben strukturellen und schulorganisatorischen Fragen geht es schliesslich darum, ob der Bildungsauftrag der Volksschule in diesem Modell mindestens gleich gut umgesetzt werden kann wie in den derzeit gelebten Settings – zugunsten aller Schülerinnen und Schüler, ob mit oder ohne besonderem Förderbedarf.

Artikel der NZZ vom Do, 24.01.2013
Projektseite der Bildungsdirektion des Kantons Zürich
Video der Medienkonferenz mit Regine Aeppli (Bildungsdirektorin), Stefan Fritschi (Stadtrat Winterthur) sowie bei der Fragenbeantwortung zusätzlich Martin Wendelspiess (Chef Volksschulamt)
Medienmitteilung der Bildungsdirektion des Kantons Zürich

Radiosendung «Immer mehr Sonderschüler: Was ist los an unseren Schulen?»

farbige_stuehleDie Anzahl Schülerinnen und Schüler, die den Status «Sonderschüler» erhalten, steigt unaufhörlich und in beunruhigender Weise an (vgl. dazu auch den Blogeintrag «Ungebremster Anstieg der Sonderschüler/innen im Kanton Zürich»). Zu dieser Thematik diskutierten im Rahmen der Radiosendung «Forum» von Radio SRF 1 (vormals DRS 1) vom 13. Dezember 2012 die folgenden Personen:
– Beatrice Zbinden, Lehrerin auf der Sekundarstufe I im Kanton Bern
Remo Largo, Kinderarzt und Buchautor
– Peter Lienhard-Tuggener, Hochschule für Heilpädagogik Zürich (der Schreibende)

Zuhörerinnen und Zuhörer konnten sich während der einstündigen Livesendung per Telefon oder E-Mail einbringen. Das Gespräch wurde in Deutschschweizer Dialekt geführt.

Bezüglich inhaltlicher Tiefe und Präzision haben solche breiten Sendegefässe ihre Grenzen. So war während des Gesprächs beispielsweise immer wieder unklar, ob vor allem über die Integration von ehemaligen «Kleinklässlern» gesprochen wird (Schülerinnen und Schüler mit moderaten Lernbeeinträchtigungen oder Verhaltensauffälligkeiten) oder aber über die Integration von Schülerinnen und Schülern mit einer Behinderung (Kinder und Jugendliche mit schwerwiegenden Beeinträchtigungen). Und: Wichtige, aber komplexe Themen (z.B. Einführung einer Richtquote für verstärkte Massnahmen [resp. Massnahmen der Sonderschulung]; Sicherung des Bildungsrechts intensiv behinderter Kinder und Jugendlicher bei zunehmendem Kostendruck; sinnvoller Einsatz des Standardisierten Abklärungsverfahrens; triagierende Mitverantwortung der abklärenden Dienste bei der Massnahmenfindung) hatten in diesem Rahmen verständlicherweise keinen Platz.
So oder so: Gesamthaft empfand ich das Gesprächsklima als konstruktiv und angenehm undogmatisch. Die Haltung und das Engagement der Lehrerin Beatrice Zbinden haben mich sehr beeindruckt.

Link zur entsprechenden Seite von Radio SRF 1 (vormals DRS 1) mit der Möglichkeit, den Beitrag online anzuhören oder als Podcast herunterzuladen

⇒ Podcast zum direkten Download (zip-Datei, 25 MB)

⇒ Zum Thema passender Artikel über eine preisgekrönte Schule im Kanton Appenzell, die mit viel Engagement Schülerinen und Schüler mit einer Behinderung integriert (Appenzeller Zeitung vom 14.12.2012): pdf, 0.2 MB

Zweimal Ja für die Grundstufe

In der Grundstufe sind die beiden Kindergartenjahre und die 1. Klasse zusammengefasst. Im Kanton Zürich haben sich 27 Schulgemeinden mit 87 Klassen entschlossen, dieses Schulmodell einzuführen.

Die Vorteile der Grundstufe liegen auf der Hand: In der altersdurchmischten Lerngruppe kann viel besser auf die unterschiedlichen Lerntempi der Kinder eingegangen werden. Eine breit durchgeführte Evaluation hat auch bestätigt, dass viel weniger Schüler/innen wegen Lernproblemen ausgesondert werden müssen – vor allem, weil die bisherige starre Schwelle zwischen Kindergarten und erster Klasse flexibler gehandhabt werden kann. Rasche Lerner können die Grundstufe in zwei Jahren durchlaufen. Wenn ein Kind mehr Zeit braucht, durchläuft es die Grundstufe in vier Jahren. Einschulungsklassen werden mit diesem Modell überflüssig. Die Grundstufe ist kindgerecht und integrativ.

Im Kanton Zürich wird am 25. November 2012 über zwei Vorlagen abgestimmt, welche die Grundstufe betreffen: Die «prima-Initiative» sieht eine flächendeckende Einführung dieses Modells vor. Ein regierungsrätlicher Gegenvorschlag will den Gemeinden die Wahl zwischen Kindergarten/1. Klasse und Grundstufe lassen.

Es spricht für sich: Kaum eine Grundstufen-Gemeinde will diese Schulform wieder aufgeben. Es handelt sich offensichtlich um ein Erfolgsmodell. Das möchte eine Vereinigung unter der Bezeichnung «Offenes Schulforum kindgerechte Schule» nicht wahrhaben. Ein Zitat aus dem «grossen Argumentarium», das auf ihrer Homepage heruntergeladen werden kann: «Die Kinder [in der Grundstufe] sitzen hauptsächlich am Tisch und arbeiten nach Vorlagen. Die reiche Spielumgebung ist ein Schulzimmer mit Gestellen voll von Ordnern und Förderspielen. Das gemütvolle, kindgemässe Erzählen mit unterschiedlichen Materialien wird zur Anweisung um Aufgaben auszuführen. Rituale haben keinen Platz mehr. Das selbst bestimmte Spiel und ein reichhaltiges Bewegungsangebot existiert nicht mehr.» Alle, die schon Einblick in eine Grundstufe genommen haben, entlarven diese Äusserungen als hilflose Unterstellung ohne Realitätsbezug. Ich empfinde dieses Argumentationspapier als ärgerlich und unfair.

Wer sich selbst ein Bild über die Arbeit in der Grundstufe machen will, kann über die Homepage der prima-Initiative einen Schulbesuch in einer Grundstufe in Wetzikon, Winterthur oder der Stadt Zürich vereinbaren.

Zwei lohnende Beiträge aus der NZZ vom 17.11.2012, verfasst von Walter Bernet
Artikel über die Grundstufe Elsau im Tages Anzeiger vom 10.11.2012
Interview pro und contra (Karin Maeder, Gabi Fink) im Tages Anzeiger vom 3.11.2012
Artikel NZZ vom 1. November 2012 «Putsch im Chindsgi»
Link zu einem Artikel auf TA-online vom 19.10.2012
Link zu einem Artikel auf NZZ-online vom 24.10.2012
[Bild: www.schule-sternenberg.ch]

Unterrichtsentwicklung als Basis einer integrativen Schule: Chur macht’s vor

Es sind nicht immer die Zentrumsregionen, die im Bereich der Schulentwicklung eine Vorreiterrolle einnehmen. In Chur, der Hauptstadt des Gebirgskantons Graubünden, wird seit Jahren in professioneller und gleichzeitig pragmatischer Weise Schulentwicklung betrieben.

Ein Beispiel: Auf der Primarstufe wurde das «Churer Modell» entwickelt. Dieses hat zum Ziel, die Binnendifferenzierung im Unterricht auf vielfältige Weise umzusetzen. Dabei wurden unter anderem bewährte Elemente des Kindergartens für die Primarschule adaptiert. Der Unterricht besteht aus den Elementen
– Gemeinschaft (Rituale, im Kreis singen, sich austauschen, spielen),
– Kurs (Inputs im Kreis),
– Arbeit mit Lernangeboten (differenziert am Arbeitsplatz) sowie
– Freiarbeit (Arbeit an in individuellen Projekten, z.B. entlang der 7-Schritt-Methode).
Das Projekt wird sorgsam Schritt für Schritt auf immer mehr Klassen ausgeweitet. Es entwickelt sich sehr erfreulich.

In einem gut aufbereiteten, vierseitigen Papier wird der Weg zur Binnendifferenzierung in zehn Schritten vorgestellt (download pdf-Datei, 2.2 MB).
[Bildquelle: Stadtschulen Chur]

Best practice und konkrete Entwicklungshinweise:
Publikation «Schulische Integration gelingt»

ImageDie Autorenliste dieses im Dezember 2011 erschienen Buches (Herausgeber: Andrea Lanfranchi und Joseph Steppacher) liest sich – leicht übertrieben ausgedrückt – wie ein «Who is who» der Schweizerischen Sonderpädagogik, ergänzt durch namhafte Autorinnen und Autoren aus den deutschsprachigen Nachbarländern. Auf über 300 Seiten werden einerseits Grundlagen, Forschungsresultate und Gelingensbedingungen für die integrative Schule dargelegt. Andererseits sind Ausführungen zur Integration bei spezifischen Behinderungen enthalten – verfasst von Fachpersonen, die nicht einfach «darüber schreiben», sondern ihre konkreten Erfahrungen aus der Praxis weitergeben. Ein «Must», dieses Buch, das preislich erstaunlich fair daherkommt: CHF 28.90, €(D) 19.90, €(A) 20.50.

Ein Flyer mit Bestellmöglichkeit ist hier herunterladbar.

Das Inhaltsverzeichnis (mit allen Beiträgen und allen Autorinnen und Autoren) ist hier herunterladbar.

Zehn Gebote für eine gute Schule

Er hat 30 Jahre als Lehrer gearbeitet, davon 14 Jahre als Schulleiter. In dieser Zeit hat er nicht nur Entwicklungen angestossen, sondern auch Vieles erkämpft, ausgestanden, umgesetzt – nicht selten gegen massive Widerstände. Und er hat nie die Freude an der Entwickung einer guten Schule verloren.

Kurt Bannwart hat ihn zurecht erhalten, den «Bildungspreis 2011 der Pädagogischen Hochschule Zürich und der Stiftung Pestalozzianum». Der Preis wurde ihm im Rahmen des PHZH-Gründungstages vom 28. Oktober verliehen. Nach der gewohnt brillianten Laudatio von Prof. Jürgen Oelkers dankte Kurt Bannwart mit einer eindrücklichen Rede. Er fasste seine Erfahrungen in 10 Geboten zusammen, die er Studierenden und jungen Lehrkräften mit auf den Weg gab (download als pdf-Datei) Das Publikum reagierte berührt und fasziniert mit einer stehenden Ovation.

Eine gute Schule für alle kann auch über die «Begabtenschiene» entwickelt werden

Zuweilen wird man als realitätsfremden «pädagogischen Romantiker» belächelt, wenn man die Überzeugung vertritt, dass eine Schule mit differenzierenden und individualisierenden Angeboten lernschwachen und besonders begabten Schülerinnen und Schülern gleichermassen entgegen kommt. Ein Artikel in der ZEIT vom 21. Juli 2011 (Hilfe für Schlaue) berichtet über Schulen, die einen pädagogischen Entwicklungsprozess durchgemacht haben, um den Bedürfnissen von Kindern mit besonderen Begabungen besser entgegenkommen zu können. Es sind Elemente, die auch bei guten integrativen Schulen mit dem Fokus «Unterstützung von Kindern mit sonderpädagogischem Förderbedarf» zu finden sind. Es wäre zu wünschen, dass diese Parallele breit erkannt wird – und dass es weder nötig noch sinnvoll ist, inklusive pädagogische Entwicklungen zugunsten der «Schwächeren» oder der «Stärkeren» gegeneinander auszuspielen.

«Wir alle in einer Klasse!»: Eine sehr empfehlenswerte Publikation

Geht die schulische Integration auf Kosten der normal- und hochbegabten Schülerinnen und Schüler?
Sind Schülerinnen und Schüler mit besonderem Bildungsbedarf oder einer Behinderung in integrativen Schulen sozial integriert?
Ist schulische Integration auf der Sekundarstufe I möglich?

Von diesen und sechs weiteren «FAQ’s» geht diese kompakte Broschüre aus. Der Autor Patrik Widmer-Wolf von der Pädagogischen Hochschule der Fachhochschule Nordwestschweiz hat Forschungsresultate, Erfahrungsberichte und weitere relevante Materialien in Form einer gut lesbaren, kompakten Broschüre zusammengestellt. Jede Frage wird erläutert und mündet in einem zusammenfassenden Fazit.

Ich finde diese Publikation absolut empfehlenswert. Dass mir die Graphiken nicht so gut gefallen, schmälert deren Wert in keiner Weise. Sie kann hier für 15 Franken (zuzüglich Versandkosten) online bestellt werden.

Literaturangabe: Widmer-Wolf, Patrik (2011). Wir alle in einer Klasse! Heterogenität in Schule und Unterricht: Fragen – Erkenntnisse – Perspektiven. Fachhochschule Nordwestschweiz, Pädagogische Hochschule (Broschüler DIN A4, 28 Seiten).