{"id":1997,"date":"2015-04-25T12:30:04","date_gmt":"2015-04-25T11:30:04","guid":{"rendered":"http:\/\/peterlienhard.ch\/blog\/?p=1997"},"modified":"2015-05-19T15:51:15","modified_gmt":"2015-05-19T14:51:15","slug":"grundschulen-auf-ruegen-arbeiten-praeventiv-und-integrativ","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/peterlienhard.ch\/blog\/?p=1997","title":{"rendered":"Grundschulen auf R\u00fcgen arbeiten pr\u00e4ventiv und integrativ"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/peterlienhard.ch\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/04\/ruegen_blog_1.jpg\"><img loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/peterlienhard.ch\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/04\/ruegen_blog_1-300x150.jpg\" alt=\"ruegen_blog_1\" width=\"300\" height=\"150\" class=\"alignleft size-medium wp-image-1998\" srcset=\"https:\/\/peterlienhard.ch\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/04\/ruegen_blog_1-300x150.jpg 300w, https:\/\/peterlienhard.ch\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/04\/ruegen_blog_1.jpg 984w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a>Die Insel R\u00fcgen liegt im \u00e4u\u00dfersten Nordosten Deutschlands. Das muss nicht bedeuten, dass sich die dortigen Grundschulen entwicklungsm\u00e4\u00dfig hinter dem Mond befinden: Im Rahmen einer Studienreise der <a href=\"http:\/\/www.hfh.ch\" target=\"_blank\">Interkantonalen Hochschule f\u00fcr Heilp\u00e4dagogik (HfH) Z\u00fcrich<\/a> Ende April 2015 konnten wir uns davon \u00fcberzeugen, dass dem nicht so ist.<\/p>\n<p>Zu Beginn des Schuljahres 2010\/11 wurde in allen R\u00fcgener Grundschulen mit Unterst\u00fctzung der Uni Rostock ein umfassender Entwicklungsprozess gestartet. Er l\u00e4uft unter den Bezeichnungen \u00abR\u00fcgener Inklusionsmodel\u00bb (RIM) und \u00abPr\u00e4ventive und Integrative Schule auf R\u00fcgen\u00bb (PISaR). Mir pers\u00f6nlich gef\u00e4llt die etwas weniger vollmundige zweite Bezeichnung besser.<\/p>\n<p>Das R\u00fcgener Modell hat zum Ziel,<br \/>\n\u2013  durch pr\u00e4ventive Ma\u00dfnahmen auf verschiedenen Ebenen<br \/>\n\u2013  sowie eine evidenzbasierte Praxis und Diagnostik<br \/>\n\u2013  und eine systematische Lernfortschrittsdokumentation<br \/>\nden Lernerfolg m\u00f6glichst aller Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler zu sichern. Das bedeutet unter anderem, dass man sich evidenzbasiert auf bestimmte Lehrmittel geeinigt hat und einheitliche Instrumente zur Lernstanderfassung einf\u00fchrte.<\/p>\n<p>Wie schafft man einen solchen Ver\u00e4nderungsprozess im Umfeld Schule, in welchem die Lehr(mittel)freiheit ausgesprochen stark gewichtet wird? <!--more--><\/p>\n<p>Zun\u00e4chst einmal haben sich die Schulleitungen der 16 Grundschulen auf R\u00fcgen (Klassen 1 bis 4) gemeinsam bereit erkl\u00e4rt, dieses Projekt umzusetzen. Ein engagierter Schulrat hat diesen Prozess gewollt und engagiert vorangetrieben. Den theoretischen \u00dcberbau, die Instrumentenentwicklung sowie ein guter Teil der Fortbildungen wurden durch die Uni Rostock beigesteuert.<\/p>\n<p>Das Modell, welches sich an den US-Amerikanischen <a href=\"http:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Response_to_intervention\" target=\"_blank\">\u00abResponse to Intervention\u00bb-Ansatz<\/a> anlehnt, l\u00e4sst sich in aller K\u00fcrze am besten anhand der oben abgebildeten Pyramide erkl\u00e4ren (ein Klick aufs Bild macht es gr\u00f6\u00dfer):<br \/>\n\u2013  Alle Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler sollen in erster Linie durch einen exzellenten, differenzierenden Unterricht gef\u00f6rdert werden (\u00abEbene 1\u00bb). Bei s\u00e4mtlichen Kindern werden regelm\u00e4\u00dfig sehr kurze Lernstand-Checks \u2013 so genannte \u00abCurriculum-based Measurements\u00bb (CBM) \u2013 durchgef\u00fchrt. In gr\u00f6\u00dferen Abst\u00e4nden erfolgt eine umfassendere Lernstanderfassung.<br \/>\n\u2013  Zeigt sich, dass ein Kind den erwarteten Leistungsstand trotz differenziertem Unterricht nicht erreicht, wird es (in der Regel von der Klassenlehrperson) zus\u00e4tzlich in Kleingruppen gef\u00f6rdert (\u00abEbene 2\u00bb). Diese Zusatzf\u00f6rderung wird wieder aufgehoben, sobald das Kind seine stofflichen Defizite hat ausgleichen k\u00f6nnen. Die sonderp\u00e4dagogische Lehrperson ist hier nicht direkt aktiv, steht den Klassenlehrpersonen jedoch beratend zur Verf\u00fcgung.<br \/>\n\u2013  Gelingt es einem Kind trotz Ebene-2-F\u00f6rderung nicht, die Lernziele zu erreichen, f\u00fchrt die sonderp\u00e4dagogische Lehrperson eine vertiefte F\u00f6rderdiagnose durch. Zeigt es sich, dass eine individualisierte F\u00f6rderung notwendig ist, wird diese im Einzel- oder Kleinstgruppensetting angeboten (\u00abEbene 3\u00bb). H\u00e4ufig besuchen diese Kinder auch den Gruppenunterricht auf der Ebene 2.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/peterlienhard.ch\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/04\/ruegen_blog_2_anonymisiert.jpg\"><img loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/peterlienhard.ch\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/04\/ruegen_blog_2_anonymisiert-300x150.jpg\" alt=\"ruegen_blog_2_anonymisiert\" width=\"300\" height=\"150\" class=\"alignleft size-medium wp-image-2017\" srcset=\"https:\/\/peterlienhard.ch\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/04\/ruegen_blog_2_anonymisiert-300x150.jpg 300w, https:\/\/peterlienhard.ch\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/04\/ruegen_blog_2_anonymisiert-1024x512.jpg 1024w, https:\/\/peterlienhard.ch\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/04\/ruegen_blog_2_anonymisiert.jpg 2000w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a>Ich fasse meine Eindr\u00fccke und Einsch\u00e4tzungen aufgrund der Schulbesuche und Gespr\u00e4che wie folgt zusammen:<br \/>\n\u2013  Es ist absolut beeindruckend, was in der kurzen Zeit (seit Schuljahresbeginn 2010\/11) erreicht worden ist. In allen Grundschulen auf R\u00fcgen wird nach dem Drei-Ebenen-Modell und mit einheitlichen Lehrmitteln in den F\u00e4chern Deutsch und Mathematik gearbeitet. F\u00fcr Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler mit auff\u00e4lligem Verhalten werden Trainings und andere Ma\u00dfnahmen angeboten. Diese Entwicklung war nur m\u00f6glich durch klare F\u00fchrung und gro\u00dfen Konsens der Schulleitungen sowie durch die engagierte Unterst\u00fctzung der Fachpersonen der Uni Rostock. Nat\u00fcrlich waren nicht alle Lehrpersonen gleicherma\u00dfen begeistert von den Umstellungen, die direkt ins unterrichtliche Kerngesch\u00e4ft eingriffen. Zudem stellten die zahlreichen Fortbildungen eine deutliche Zusatzbelastung dar. Dennoch hatten wir den Eindruck, dass sehr viele Lehrpersonen positiv mitziehen.<br \/>\n\u2013  Die regelm\u00e4\u00dfigen Lernstanderfassungen f\u00fchren dazu, dass die Lehrpersonen sehr genau wissen, wo ihre Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler leistungsm\u00e4\u00dfig stehen. So k\u00f6nnen sie ohne lange Erkl\u00e4rungen effizient \u00fcber die F\u00f6rderung der Kinder sprechen. Den Kindern selbst wird ebenfalls zur\u00fcckgemeldet, wo sie stehen und wie sich ihre Leistungskurve ver\u00e4ndert \u2013 ein nicht zu untersch\u00e4tzender Aspekt, weil sie so auch die Fr\u00fcchte ihres eigenen Zusatzaufwands erkennen k\u00f6nnen.<br \/>\n\u2013  Dadurch, dass die Klassenlehrpersonen auch f\u00fcr die zus\u00e4tzliche F\u00f6rderung auf Ebene 2 zust\u00e4ndig sind, erleben sie sich als zust\u00e4ndig und handlungsf\u00e4hig, auch Kinder mit Lernschwierigkeiten gezielt zu unterst\u00fctzen. Der Reflex, schon bei geringen Lernproblemen nach einer Delegation an die sonderp\u00e4dagogische Lehrperson zu rufen, erfolgt seltener und sp\u00e4ter.<br \/>\n\u2013  Das Wissen um den Lernstand der Kinder und die gewisse Standardisierung von Lehrmitteln und Lernstanderfassungsinstrumenten erleichtern Zusammenarbeit und Koordination der F\u00f6rderung enorm. Die Inhalte der Ebenen 1 und 2, aber auch die individualisierte F\u00f6rderung auf der Ebene 3 sind gut aufeinander abgestimmt und durchl\u00e4ssig.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich gelingt die Umsetzung noch nicht in allen Bereichen \u00abim Sinne der Erfinder\u00bb ideal. So erf\u00fcllen noch nicht alle Unterrichtsstunden den Anspruch eines excellenten und differenzierenden Unterrichts. Zudem ist die Frage, wie Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler mit massiven Beeintr\u00e4chtigungen innerhalb dieses Modells angemessen gef\u00f6rdert werden k\u00f6nnen, erst ansatzweise gekl\u00e4rt. (Trotz der Bezeichnung \u00abR\u00fcgener Inklusionsmodell\u00bb sind weiterhin einige separativ arbeitende F\u00f6rderschulen vorgesehen, wobei die Sch\u00fclerzahlen in der Sonderschule f\u00fcr Lernbehinderte stetig zur\u00fcckgehen.) Und der starke Fokus auf den Lernstand in den Kernf\u00e4chern Deutsch und Mathematik birgt die Gefahr des \u00abteaching to the test\u00bb mit einer Untergewichtung von anderen wichtigen Aspekten des Lernens, wie beispielsweise demjenigen des entdeckenden Lernens.<\/p>\n<p>Dennoch sind die R\u00fcgener Erfolge deutlich sichtbar: Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler, die andernorts in Kleinklassen oder Sonderschulen f\u00fcr Lernbehinderte geschult werden, werden erfolgreich integriert. F\u00fcr den Umgang mit verhaltensauff\u00e4lligen Kindern stehen Ideen und Programme zur Verf\u00fcgung, die Wirkung zeigen. Die Klassenlehrpersonen haben den \u00dcberblick \u00fcber den Lernstand der Kinder und erhalten Ideen, Materialien und Instrumente f\u00fcr deren zielgerichtete F\u00f6rderung. Und schlie\u00dflich kl\u00e4rt und erleichtert das Modell den Einsatz und die Zusammenarbeit von Klassenlehrperson und sonderp\u00e4dagogischer Lehrperson.<\/p>\n<p><em>Es ist nicht selbstverst\u00e4ndlich, dass sich Kolleginnen und Kollegen in Grundschulen, F\u00f6rderschulen und Universit\u00e4ten Zeit nehmen, um ihre Arbeit zu zeigen und dar\u00fcber auszutauschen. Genau dieses Entgegenkommen und diese Offenheit haben wir im Rahmen dieser HfH-Studienreise auf R\u00fcgen erleben d\u00fcrfen. Ganz herzlichen Dank daf\u00fcr! <\/em><\/p>\n<p>Umfassende Informationen und Materialien zum \u00abR\u00fcgener Inklusionsmodell\u00bb (RIM) sind <a href=\"http:\/\/www.rim.uni-rostock.de\" target=\"_blank\">hier<\/a> zu finden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Insel R\u00fcgen liegt im \u00e4u\u00dfersten Nordosten Deutschlands. Das muss nicht bedeuten, dass sich die dortigen Grundschulen entwicklungsm\u00e4\u00dfig hinter dem Mond befinden: Im Rahmen einer Studienreise der Interkantonalen Hochschule f\u00fcr Heilp\u00e4dagogik (HfH) Z\u00fcrich Ende April 2015 konnten wir uns davon \u00fcberzeugen, dass dem nicht so ist. Zu Beginn des Schuljahres 2010\/11 wurde in allen R\u00fcgener &#8230;<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/peterlienhard.ch\/blog\/?p=1997\" class=\"more-link\">Continue reading &lsquo;Grundschulen auf R\u00fcgen arbeiten pr\u00e4ventiv und integrativ&rsquo; &raquo;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[13],"tags":[46,23,26,96,24,93,91,92,95,14,36],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/peterlienhard.ch\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1997"}],"collection":[{"href":"https:\/\/peterlienhard.ch\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/peterlienhard.ch\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/peterlienhard.ch\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/peterlienhard.ch\/blog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1997"}],"version-history":[{"count":22,"href":"https:\/\/peterlienhard.ch\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1997\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2011,"href":"https:\/\/peterlienhard.ch\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1997\/revisions\/2011"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/peterlienhard.ch\/blog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1997"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/peterlienhard.ch\/blog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1997"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/peterlienhard.ch\/blog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1997"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}